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Mittelalter : Liebesbegehren und frommer Verzicht

31.12.2012 00:00 Uhrvon
Sozialer Wandel. Minnelieder waren der Verehrung einer hochgestellten Dame gewidmet. Die Mären dagegen, von denen die Staatsbibliothek jetzt eine frühe Handschrift erwarb, können auch im bäuerlichen Milieu angesiedelt sein – und drehen sich um Sexualität.Bild vergrößern
Sozialer Wandel. Minnelieder waren der Verehrung einer hochgestellten Dame gewidmet. Die Mären dagegen, von denen die Staatsbibliothek jetzt eine frühe Handschrift erwarb, können... - Foto: picture-alliance / akg-images

Mären aus dem Volk: Ein wertvoller Handschriftenkauf der Berliner Staatsbibliothek erweitert unser Bild vom Mittelalter. Es geht um alle nur denkbaren Probleme von Ehe, Liebesbegehren und Sexualität.

Schätze erweisen ihren Wert nicht nur anhand imposanter Größe, äußerer Pracht oder kostbarer Ausstattung. Zwar können auch mittelalterliche Handschriften geradezu verschwenderischen Schmuck präsentieren oder – da ihr Format sich in den meisten Fällen nach ihrem Inhalt und Verwendungszweck richtet – beachtliche Größen von bis zu 50 Zentimetern erreichen. Der Staatsbibliothek preußischer Kulturbesitz ist jetzt aber der Ankauf einer mittelalterlichen Handschrift gelungen, die nach ihrem äußeren Erscheinungsbild klein, schmal und unscheinbar wirkt, hinsichtlich ihrer literatur- und kulturhistorischen Bedeutung aber wohl gar nicht überschätzt werden kann.

Die Staatsbibliothek hat hier, das kann jetzt schon gesagt werden, einen überaus wertvollen Neuerwerb realisiert, welcher der germanistischen Mittelalterforschung neue Perspektiven eröffnet.

Die Handschrift war bislang nicht bekannt. Sie enthält drei Verserzählungen, von denen zwei als „Mären“, eine als „Mirakel“ oder Wundererzählung bezeichnet werden können. Beide Texttypen gehören zur großen und sehr variationsreichen Gruppe kleinepischer Texte des Mittelalters, die wie auch Fabeln, Novellen oder Legenden bis weit in die Neuzeit hinein außerordentlich beliebt und verbreitet waren.

Definition, Textzugehörigkeit und Angemessenheit des Begriffs „Märe“ als Gattungsbezeichnung sind in der Germanistik indes sehr umstritten, man hat sich aber inzwischen auf einige Kriterien geeinigt. Danach handelt es sich bei Mären um Erzähltexte, die vom 13. bis ins 15. Jahrhundert ungemein populär waren. Sie sind in Reimpaaren verfasst, also metrisch gebunden, zeichnen sich durch ihre Kürze aus, sind also von Romanen oder Lehrgedichten deutlich unterscheiden. Inhaltlich setzen sie einen auffälligen Akzent auf alle nur denkbaren Probleme von Ehe und Ehebruch, Liebesbegehren und Sexualität, listiger Übervorteilung und Gewalt zwischen den Geschlechtern.

Dabei kann das soziale Milieu feudal-höfisch codiert sein, aber auch städtisch-bürgerliche oder dörflich-bäuerliche Zusammenhänge betreffen. Das ist insofern besonders interessant, da auf diese Weise die feudal-adlige Exklusivität etwa des heroischen Epos, wie des „Nibelungenlieds“, oder des höfischen Romans eines Hartmann von Aue oder Wolfram von Eschenbach durchbrochen und das soziale Spektrum erweitert wird. Auffällig ist darüber hinaus aber auch, dass diese soziale Erweiterung in den Mären an Fragen von Sexualität und Ehe diskutiert wird.

Teuflisches Original. Die Zeilenanfänge der Handschrift sind rot ausgemalt, die Enden mit Schlängellinien verziert.Bild vergrößern
Teuflisches Original. Die Zeilenanfänge der Handschrift sind rot ausgemalt, die Enden mit Schlängellinien verziert. - Repro: Staatsbibliothek zu Berlin – PK

In ihrem Mittelpunkt stehen deshalb immer wieder Versuche der Überlistung zum Beischlaf, der Auseinandersetzung um Legitimität oder Illegitimität des Ehebruchs. Ebenso kann es um die Realisierung sexueller Wünsche in scheinbar ausweglosen Situationen gehen, um Betrug und Übervorteilung, um auf diese Weise erotische Wünsche zu befriedigen. Anders als in der hoch stilisierten und ästhetisierten Welt adliger Minnewerbung und Minnedienstes öffnen sich die Mären erstmals in der deutschen Literatur dem weiten und bunten Feld menschlicher Erotik, Sexualität und beider Reglementierung durch Ehe und Eherecht.

In der neuen Märenhandschrift der Staatsbibliothek (Signatur: Ms. germ. oct. 1430) folgen die erste und die dritte Verserzählung diesem Erzähltyp der Mären, die zweite dem Typ des Mirakels. Alle drei Erzählungen waren auch bislang schon bekannt, allerdings noch nicht in einer so frühen Handschrift. Nach dem Urteil des Leiters der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek, Eef Overgaauw, legt die Schrift der Handschrift deren Entstehungszeit im späten 13. Jahrhundert nahe. Damit würde der kleine „Schatz“ zu den ältesten erhaltenen Märenhandschriften gehören. Die großen Märenhandschriften, wie beispielsweise die Heidelberger Sammelhandschrift Cpg 341, datieren ohnehin erst aus dem 14. Jahrhundert.

Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass die Mären zunächst auf einzelnen, kleinen Pergamentblättern aufgeschrieben und erst später in Sammelhandschriften zusammengefasst worden sind, wir bislang aber über derartige Aufzeichnungen nicht verfügten. Das ist durch den Berliner Neuerwerb anders geworden. Es spricht viel dafür, dass Ms. germ. oct. 1430 den bislang fehlenden Beleg für die Vermutung liefert, dass Mären ursprünglich zum individuellen Gebrauch aufgeschrieben und gelesen beziehungsweise vorgelesen worden sind. Gerade in ihrer kleinen und schmalen Form waren sie wohl bestens dazu geeignet, in unterschiedlichen Kontexten, auf Reisen, anlässlich von Gesellschaften oder Festen transportiert und rezipiert zu werden. Darin waren sie vielleicht sogar den Taschenbüchern des modernen Buchhandels vergleichbar.

Die beiden Mären der Handschrift dürften dem zeitgenössischen Geschmack, aber auch dem Anspruch an komisch-vergnüglicher Unterhaltung an das Genre entsprochen haben. Beide sind – unter dem Titel „Studentenabenteuer“ und „Zwei Beichten“ – in der Germanistik schon lange bekannt und im 14./15. Jahrhundert weit verbreitet. Beide liegen hier erstmals in einer deutlich früheren Fassung vor. Dabei bedient das „Studentenabenteuer“ den Typus „listige Übervorteilung und Erschleichen des Beischlafs“, das Märe „Die zwei Beichten“ den Typus „Ehebruch und Ehestreit“. Die Fassungen der Berliner Handschrift entsprechen im Aufbau der Erzählungen den späten Fassungen, weichen aber in vielen Details von ihnen ab.

Das „Studentenabenteuer“ geht wohl auf eine französische Kurzerzählung („fabliau“) zurück. Sie erzählt von zwei Studenten und Söhnen reicher Väter, die auf ihrer Reise nach Paris im Haus eines wohlhabenden Bürgers mit einer schönen Frau und hübschen Tochter unterkommen und ihr Bett in der Schlafkammer der ganzen Familie finden, wo vor dem Ehebett das jüngste Kind in einer Wiege liegt. In der Nacht schleicht einer der beiden Fremden ins Bett der Tochter, um sich mit ihr zu vergnügen. Als die Mutter kurz das Zimmer verlässt, stellt der zweite Fremde die Wiege vor sein Bett, so dass die Mutter sich zu ihm ins Bett legt und sich sehr an den Liebeskünsten des Studenten, den sie für ihren Mann hält, erfreut. Als der erste Student in sein Bett zurückkehren will, wird er ebenfalls von der verstellten Wiege getäuscht, steigt zum Hausherrn ins Bett und erzählt ihm sein Liebesglück. Während der Hausherr noch tobt und seine Frau ein Licht holt, stellt der zweite Student die Wiege wieder an ihren richtigen Platz, so dass die Frau ihrem Mann weismachen kann, dass sie alle Opfer einer Teufelsintrige geworden seien.

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