Mitteldeutschland : Giganten des Geiseltals

Vor 200.000 Jahren streiften Elefanten durch das heutige Mitteldeutschland. Klimatisch gesehen, könnten sie auch noch heute hier leben. Doch der Platz ist knapp.

Mathias Orgeldinger

Es knackt in den Büschen, und plötzlich steht er da: Ein großer, grauer Fleischberg, der zwischen zwei gewaltigen Stoßzähnen einen Rüssel schwenkt. So muss es sich für die Verwandten des modernen Menschen vor etwa 200 000 Jahren angefühlt haben, als sie durch das Geiseltal streiften.

Nachempfinden lässt sich das Erlebnis in der Ausstellung „Elefantenreich“ in Halle. Sie zeigt die wichtigsten Ergebnisse der Fundstelle Neumark-Nord im heutigen Saalekreis. Damals war es etwa drei Grad Celsius wärmer als heute. Auerochsen wanderten umher, Hirsche, Wölfe. Das Erscheinungsbild von Höhlenbär, Höhlenlöwe und Steppennashorn kann man anhand der heute noch lebenden Verwandten erahnen. Nur ein Tier sprengt unsere Vorstellungskraft: Elephas antiquus, der Eurasische Altelefant. Mit seinen gut vier Meter Schulterhöhe war er etwa um ein Drittel größer als der afrikanische Elefant und auch deutlich größer als das oft übertrieben dargestellte Wollhaarmammut.

Computeranimationen sind austauschbar. Wer wirklich „begreifen“ will, wovon die Rede ist, sollte sich zwischen die Vorderbeine der lebensechten Nachbildung stellen, die den Lichthof des Museums ausfüllt. Die Rekonstruktion eines 50-jährigen Bullen ist aus tastfreundlich-elastischem Kunststoff gefertigt. „Man darf ihn anfassen“, versichert die Paläontologin Dieta Ambros vom Ausstellungsteam.

Die Stoßzähne des Altelefanten waren teilweise vier Meter lang und wogen bis zu 300 Kilogramm. Mit seiner „Elfenbeinsense“ konnte der Bulle eine drei Meter breite Schneise in die Vegetation schlagen. Solch eine Durchschlagskraft dürfte auch den Urmenschen Respekt eingeflößt haben. Trotzdem hat man Werkzeuge gefunden, die aus Elefantenknochen hergestellt wurden. Stammen sie alle von Kadavern? Oder haben die frühen Menschen diesen Giganten aktiv nachgestellt?

Erste wissenschaftliche Grabungen im Geiseltal gab es bereits Anfang des 20. Jahrhunderts. Besonders spannend wurde es 1985. Beim Abbau der Braunkohle wurden die Sedimente eines 200 000 Jahre alten Sees mit gut erhaltenen Fossilien entdeckt. Immer wieder griffen die Arbeiter zum Telefon: „Herr Professor, kommen Sie schnell, sonst ist der Fund weg.“

In ständigem Wettlauf mit dem Schaufelradbagger rettete der Archäologe Dietrich Mania bis 1996 die Reste von mindestens 70 Altelefanten. Viele Knochen gelangten auf dem Rücksitz seines Trabis in ein altes Gutshaus, das als Depot diente. Bei den Notgrabungen wurden etwa 200 Tier- und 200 Pflanzenarten geborgen, die einen umfassenden Einblick in das Ökosystem erlauben.

Die weltweit einzigartige Sammlung von Skeletten ermöglichte auch eine neue Sicht auf Elephas antiquus. Bisher hatte man angenommen, das Tier hätte nach vorn unten gerichtete Stoßzähne, die im dichten Gehölz nicht stören. Neue Zahnuntersuchungen, Analysen des Mageninhalts und klimatologische Erkenntnisse verlegten den Lebensraum der Tiere inzwischen in eine lichte Steppe. „Die Hauptfunde stammen aus einem etwa 250 Jahre umfassenden Zeitraum“, sagt Ambros. Die Tier- und Pflanzenreste im See seien in kurzer Zeit von Sedimenten überlagert worden und daher sehr gut erhalten. Besonders wichtig sind die konservierten Hölzer. Aus den Jahresringen einer Eiche oder den Wachstumsstörungen einer Ulme können Experten wertvolle Informationen für das große Lebensraumpuzzle gewinnen.

Suhlegruben am Ufer verraten noch nach 200 000 Jahren, dass sich hier Elefanten im Schlamm wälzten. Und die stickstoffliebende Brennnessel markiert vermutlich ein „Sandfreibad“ für Rüsseltiere. An dieser Stelle muss die Ufervegetation regelmäßig zertrampelt und auf natürliche Weise gedüngt worden sein. Die Funde lassen sogar Aussagen über das Leben einzelner Tiere zu. Ein 50-jähriger Bulle zeigt eine Schädelverletzung, die nur durch einen Stoßzahn zu erklären ist.

Nur von den Urmenschen ist nichts erhalten, nicht einmal ein Zahn. Und doch waren sie da, immer mal wieder für ein paar Tage. Die Jäger lauerten vor allem Hirschen, aber auch Pferden, Auerochsen und Nashörnern am Ufer auf, wenn diese zum Trinken kamen. Speere flogen, Lanzen stachen, verwundete Tiere blieben im Uferschlamm stecken. Sie wurden vor Ort mit Keilschabern aus Elefantenknochen gehäutet und mit Steinklingen zerlegt.

Das Lager der Jäger war rund 100 Meter vom „Schlachtplatz“ entfernt. Hier fanden die Forscher einfache Werkzeuge zur Holz- und Lederbearbeitung. Und Holzkohlenester, die beweisen, dass im Camp kleine Lagerfeuer brannten.

Haben die frühen Menschen vielleicht die Macht des Feuers genutzt, um Elefanten zu jagen? Aber warum sollten sie sich dieser Gefahr aussetzen, mitten im Hirsch- und Pferdeparadies? Die Großwildjagd hatte trotzdem einen Sinn, sagen Ethnologen. Vermutlich mussten Jugendliche bei einer Elefantenjagd beweisen, dass sie würdig sind, in den Kreis der Jäger aufgenommen zu werden. Vermutlich gab es rituelle Gründe für die Gigantenjagd. Vermutlich wollten die Speerträger einmal im Jahr zeigen, wer das Geiseltal beherrscht.

Sie sollten recht behalten. Vor 20 000 Jahren starb der Eurasische Altelefant aus, wenige tausend Jahre später brach die gesamte Großtierfauna Mitteleuropas zusammen. Die Arten hatten diverse Kältephasen durch Aus- und Einwanderung überlebt, die letzte wurde ihnen zum Verhängnis. Es drängt sich die Frage auf, ob Homo sapiens daran beteiligt war.

Im Gegensatz zu Elefanten und Nashörnern bringen Rentiere, Hirsche und Pferde mehr Jungtiere in kürzeren Abständen zur Welt und können somit einen Verlust durch die Jagd besser ausgleichen. Klimatisch gesehen könnten heute in Mitteleuropa immer noch Elefanten leben. „Aber es ist kein Platz mehr für sie“, sagt Ambros.

Die Ausstellung „Elefantenreich – Eine Fossilwelt in Europa“ läuft noch bis zum 30. Januar 2011 im Landesmuseum für Vorgeschichte, Richard-Wagner-Straße 9, 06114 Halle (Saale).

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