Wissen : Morphin lindert Atembeschwerden Wirkstoff ermöglicht es, ruhiger Luft zu holen

Rosemarie Stein

Die Schmerzen fast aller Krebspatienten im fortgeschrittenen Stadium ihrer Krankheit können mit Opiaten wie Morphin wirksam gelindert werden. Aber viele Kranke leiden trotzdem sehr, weil sie und zum Teil auch ihre Ärzte die Nebenwirkungen dieser starken Schmerzmittel scheuen – zu Unrecht, wenn man sachgerecht damit umgehen kann. Benommenheit, Schwindel, Übelkeit lassen nach wenigen Tagen nach, nur gegen Verstopfung muss man etwas tun.

Gefürchtet wird besonders die Hemmung des Atmens, die Atemdepression. Doch dies ist eigentlich nur ein Problem bei der Therapie des akuten Schmerzes. Bei schrittweise gesteigerter, sogar sehr hoher Dosierung solcher Mittel gegen chronische Schmerzen besteht dieses Risiko nicht. Um die Atmung zu beeinträchtigen, brauchte es dreimal so viel Morphin wie zur Schmerzstillung.

Mit Opiaten lässt sich sogar die Atemnot lindern, an der mindestens die Hälfte der Krebskranken im fortgeschrittenen Stadium leiden, und zwar ohne eine bedeutsame Unterdrückung des Atmens zu bewirken. Bestätigt hat sich dieser bisher wenig bekannte Effekt in einer (von der Deutschen Krebshilfe geförderten) Studie der Forschungsstelle für Palliativmedizin der Universität Bonn am Malteser Krankenhaus Bonn/Rhein-Sieg. Katri Clemens und Eberhard Klaschik haben darin zum ersten Mal systematisch untersucht, was die quälende Luftnot der Schwerkranken am besten lindert.

Es zeigte sich, dass die Patienten durch eine den Beschwerden angepasste Opiatdosis ruhiger und tiefer atmeten. „Die zusätzliche Gabe von Sauerstoff, wie oft praktiziert, lindert die Luftnot jedoch nicht“, konstatiert Katri Clemens. Das Opiat verringert die Kurzatmigkeit und erhöht die mit jedem Atemzug aufgenommen Luftmenge, so dass sich die Atmung wieder normalisiert. Außerdem reduziert es die bis zur Panik gehende Angst, die durch die Luftnot verursacht wird und sie weiter steigert. Notfalls kann man zusätzlich ein Beruhigungsmittel geben.

Trotz aller neuen Erkenntnisse der Palliativmedizin müssen viele Krebskranke unnötig leiden, weil ihre Beschwerden unzureichend behandelt werden. Zwar nimmt nun auch in Deutschland, das lange Zeit im Rückstand war, die Verschreibung der hochwirksamen Schmerzmittel zu. Aber im „Arzneimittel-Report 2008“ der Krankenkasse GEK wird bemängelt, dass zu lange die nur schwach wirksamen opiatähnlichen Medikamente Tramadol und Tilidin verordnet werden. Wahrscheinlich, weil sie nicht unter die seit langem gelockerte „Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung“ fallen.

Der Begriff Betäubungsmittel ist irreführend: Individuell zum Beispiel auf langwirkendes Morphin eingestellte chronisch Krebskranke sind nicht selten sogar fähig, ein Auto zu lenken. Morphin ist das am längsten und am besten erprobte starke Schmerzmittel. Die Behandlung mit Morphin ist noch immer der „Goldstandard“ in der obersten Stufe des Schemas der Krebsschmerztherapie, das die Weltgesundheitsorganisation schon seit 1986 propagiert. Auch die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft hat es in ihre Empfehlungen übernommen.

Je nach Stärke des Schmerzes helfen auf der ersten Stufe schon übliche Mittel wie Paracetamol, Ibuprofen und Diclofenac. Hinzu kommen auf der zweiten Stufen schwache opiatähnliche Mittel (Opioide) wie zum Beispiel Codein, die auf der dritten Stufe gegen starke Opiate wie Morphin ausgetauscht werden. Sehr wichtig ist es, die Schmerzmittel individuell dosiert und nicht nach Bedarf, sondern regelmäßig nach der Uhr einzunehmen, damit der Wirkspiegel im Blut immer etwa gleich bleibt. Dadurch entstehen starke Schmerzen gar nicht erst, und es kommt keine Suchtgefahr auf.

Europäische und amerikanische Behandlungsleitlinien empfehlen außerdem, auf Opioidpflaster (wie Fentanyl oder Buprenorphin), die heute zu oft verordnet würden, nur dann auszuweichen, wenn die Kranken Schluckbeschwerden haben und deshalb kein Morphin mehr einnehmen können. Rosemarie Stein

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