Wissen : Moskau: „Marsmenschen“ in die Freiheit entlassen

Gut gelaunt, sichtlich entspannt und froh über das Ende der Isolationshaft stellten sich die Teilnehmer eines spannenden Experiments am gestrigen Dienstag in Moskau der Presse. Sechs Männer – die Russen Alexei Sitew, Suchrob Kamolow, und Alexander Smolejewski, der Chinese Wang Yue, der Franzose Romain Charles und der Italo-Kolumbianer Diego Urbina – waren im Juni 2010 zur Simulation eines bemannten Fluges – inklusive Ausstieg - virtuell zum Mars gestartet.

Ein Gemeinschaftsprojekt von Roskosmos, der russischen Raumfahrtbehörde, und der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, bei dem das kleinste Detail der Realität nachempfunden wurde und in das das gesamtes Wissen einfloss, über das die Menschheit derzeit zum roten Planeten verfügt. Die Simulation der Marsoberfläche gelang so überzeugend, dass sogar die drei Teilnehmer, die im Februar mit 30 kg schweren Raumanzügen ihren Fuß auf sie setzten, sichtlich verblüfft waren.

Echt war allerdings die Freude, die den Männern im Gesicht stand, als sie letzten Freitag das Pseudo-Raumschiff verlassen durften: einen Container, der im Moskauer Institut für biomedizinische Probleme (IBMP) stand und für 520 Tage ihr Zuhause war. Ganze 180 Quadratmeter groß und mit 30 Kameras bestückt, die das Geschehen an Bord live und in Echtzeit in den Kontrollraum des IBMP übertrugen.

Das Experiment sollte klären, ob die menschliche Psyche dem monotonen Alltag, dem Zusammenleben auf engstem Raum, Leistungsdruck und Stress gewachsen ist. Die Bilanz fällt gemischt aus. Offenbar reichten bereits Kleinigkeiten für Misstöne in der Männer-WG. Vor allem in der letzten Phase des „Fluges“.

Zwei Tage nach der „Landung“, als die „Marsmänner“ noch in Quarantäne waren, zitierte die Online-Zeitung gaseta.ru den Projektverantwortlichen Alexander Suworow mit den Worten, es sei bei den Teilnehmern zu einem regelrechten Wettkampf gekommen, wer mehr Emails von zuhause bekommt, die Sieger seien beneidet worden. Vor allem hätten die Astronauten sich wegen ungleicher Aufgabenverteilung gestritten. Einige hätten viel arbeiten müssen, was den zur Untätigkeit verurteilten Teilnehmern missfiel.

„Die Simulation ist viel schwieriger als ein wirklicher Flug“, gab Diego Urbina auch auf der Pressekonferenz zu. Zwar hätten beim Experiment Schwerelosigkeit und kosmische Strahlung gefehlt. Stattdessen hätten die Teilnehmer oft unter Einsamkeit und Langeweile gelitten, sagte der 28-jährige Elektroingenieur. Eine Frau an Bord wäre gut gewesen.

Elke Windisch, Moskau

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben