Musik und Emotionen : Innerlich bewegt

Traurige Musik wirkt stärker auf Menschen, die viel Empathie haben. Auch das Nervensystem spricht stärker an, zeigt eine Untersuchung mit 101 Probanden.

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Mit Gefühl. Traurige Musik hat einen ganz besonderen Reiz.
Mit Gefühl. Traurige Musik hat einen ganz besonderen Reiz.Foto: picture alliance / dpa

Nicht traurig sein! So werden wir von klein auf ermuntert. Doch in der Musik lieben viele den „Blues“, genießen die langsamen Sätze von Sonaten, Solokonzerten und Symphonien, die leise klagenden Stimmen und Texte von Songs, die Arien voller Liebesschmerz und Todessehnsucht.

Das kann viele Gründe haben. Oft ist „traurige“ Musik einfach langsamer und leiser, dient also mit ihrer getragenen Art der in der Freizeit höchst erwünschten Entspannung. In einigen Fällen sind es auch die vertonten (Gedicht-)Texte und deren Art, den Schmerz zu verklären, die besonders bezaubern. Manchmal erinnert ein zart-melancholischer Song im Radio den Hörer aber auch an einen besonders schönen Moment in seinem Leben. Die wehmütigen Gefühle, die die Musik auslöst, gelten dann einem Teil der eigenen Biografie.

Traurig und tief bewegend

Aber kann traurige Musik nicht mehr, als Worte zu begleiten, zu entspannen oder Erinnerungen wachzurufen? Und was zeichnet Menschen aus, bei denen ihr das gelingt? Dieser Frage widmete sich ein englisch-skandinavisches Forscherteam um Tuomas Eerola von der Universität Durham. Für ihre Studie, deren Ergebnisse jetzt in der Zeitschrift „Frontiers of Psychology“ erschienen sind, wählten sie bewusst ein Werk ohne Gesang und Text aus. Es war den Probanden bis dato unbekannt und weckte keine Erinnerungen. Die acht Minuten lange Passage stammte aus der 2001 ausgestrahlten US-Fernsehserie „Band of Brothers“ und untermalt im Film die Erlebnisse einer Gruppe von Soldaten, die am Ende des Zweiten Weltkriegs das KZ Kaufering IV befreite.

101 „ganz normale“ Frauen und Männer zwischen 20 und 67 Jahren wurden zunächst zu musikalischen Vorlieben und Kenntnissen befragt. Zudem absolvierten sie einige gängige psychologische Tests, in denen es um Persönlichkeitsmerkmale ging wie um die Fähigkeit, anhand der Mimik die Gefühlslage von Mitmenschen einzuschätzen. Nach dem Anhören des kurzen Instrumentalwerks sollten sie angeben, wie die Musik für sie klang, ob sie sie mochten und welche Gefühle sie in ihnen weckte. Während des Musikhörens wurden zudem bei einer Untergruppe der Teilnehmer der Hautwiderstand und der Herzschlag gemessen.

Eine Schwäche: Es wurde nur ein Musikstück ausgewählt

Die Teilnehmer, die die Musik als traurig und dabei tief bewegend empfanden, hatten sich in den psychologischen Tests als besonders empathisch erwiesen. Sie konnten die Stimmungslage anderer besonders gut einschätzen und ihnen Mitgefühl entgegenbringen, und sie hatten auch in besonderem Maß die Fähigkeit, sich in fiktive Charaktere von Romanen oder Filmen zu versetzen. In den physiologischen Messungen zeigten Mitglieder dieser Gruppe eine größere Wirkung des Musikhörens auf das sympathische Nervensystem. Und, nicht ganz unwichtig: Sie gaben auch an, das vorgespielte Stück besonders gern zu mögen. Die Autoren sehen in dieser Empfänglichkeit den entscheidenden Grund für das zunächst „widersinnig erscheinende Faktum, dass Hörer fähig sind, Vergnügen an traurigen Erfahrungen in musikalischen Kontexten zu finden“.

Liebhaber verhaltener und melancholischer Klänge drücken das üblicherweise anders aus als die Wissenschaftler, werden der Grundaussage aber zustimmen. Eine Schwäche der Studie könnten sie darin sehen, dass sie sich auf ein einziges Musikstück stützt. Denn auch ästhetische Gesichtspunkte und der persönliche Geschmack dürften darüber mitentscheiden, wie sehr einen Menschen eine Tonfolge bewegt.

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