Musik : Verzaubert durch ein Fingerschnipsen

Warum Musikunterricht so wertvoll ist – und worunter er leidet. Die Musikhochschulen wollen sich mehr für Schüler engagieren

Dorothee Nolte

„Was, singen sollen wir? Vergessen Sie’s, Frau Boldt. Kein Ton kommt aus meinem Mund!“ Marek, Achtklässler der Privatschule Königin-Luise-Stiftung, ist sich ganz sicher: Beim „Aktionstag musikalische Bildung“ der deutschen Musikhochschulen, den er mit seiner Klasse und Musiklehrerin Sigrid Boldt besucht, wird er seine Stimme nur zum Reden gebrauchen, wie gewohnt. Singen – wozu?

Da öffnen sich die Türen des Kammersaals der Universität der Künste (UdK) in der Fasanenstraße – Parkettboden, hohe Decken, zwei Flügel und ein Cembalo –, Mareks achte und eine neunte Schulklasse strömen hinein und setzen sich in einen großen Stuhlkreis, abwartend, tuschelnd, neugierig. „Wer von euch singt im Chor?“, fragt Michael Betzner-Brandt, Chorleiter Jazz/Pop/Rock an der UdK. Nur drei Schüler melden sich, fast verschämt. Betzner-Brandt fackelt nicht lange. Alle sollen aufstehen, rumlaufen, und dann: sich im Kreis hinstellen, ein Schritt rechts vor, ein Schritt rechts zurück, immer weiter, immer weiter, und dazu rhythmisch „dudap-badudap“ singen oder sprechen.

Und siehe, es entsteht: Musik. Die Schüler verlieren ihre Befangenheit, Betzner-Brandt greift sich eine Postkarte und rollt sie zum Mikro, improvisiert Jazz-Melodien und gibt mit den Fingern an, ob die Schüler dazu „dudap-badudap“ singen, rhythmische Geräusche von sich geben oder aber einen einzelnen Ton halten sollen. Am Ende schwingen sich zwei Schüler dazu auf, den Dirigenten zu geben. Und wer hätte das gedacht? Auch Marek singt mit, und Frau Boldt, die Musiklehrerin, lacht still in sich hinein.

Die Kraft der Musik Gemeinschaft zu schaffen, zu begeistern, Lebenslust zu wecken, Gehör und Rhythmusgefühl zu schärfen und das alles auch ganz ohne Noten oder Instrumentenkenntnis: Michael Betzner-Brandt kann sie mit ein paar Fingerschnipsen hervorzaubern. Und beweist damit auf spielerische Weise, was die Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen auf ihrem erstmalig ausgerufenen „Aktionstag musikalische Bildung“ unters Volk bringen möchte. Die Musikhochschulen bilden nicht nur die ganz großen Könner aus, die später in den Konzertsälen dieser Welt brillieren werden, sondern sie erfüllen auch eine wichtige Funktion für die Gesellschaft.

Denn hier werden musikpädagogische Projekte für Kitas und Schulen ausgeheckt, hier studieren oftmals auch die künftigen Musiklehrer. Das Institut für Musikpädagogik der UdK beispielsweise arbeitet regelmäßig mit Schulen zusammen. Die Professoren Joel Betton und Enno Granas gehen mit ihren Studenten und einer groben Idee eines Musiktheaterstücks in eine Grundschule und entwickeln mit den Schülern ein bühnenreifes Stück, selbstkomponierte Lieder inbegriffen. Bei den „crescendo“-Musikfestwochen der UdK kommen die Schüler dann auf die große Bühne.

Am „Aktionstag musikalische Bildung“ beteiligten sich alle 24 deutschen Musikhochschulen – in Berlin die UdK und die Hochschule für Musik Hanns Eisler, die zum interaktiven Musikquiz, zum Ausprobieren von Instrumenten und Unterrichtsbesuch lud. Ein Aktionsjahr soll nun folgen, unter anderem mit einer bundesweiten Plakatkampagne zum Motto „Ein Leben ohne Musik – undenkbar“. Anlass ist das 60. Jubiläum der Gründung der Rektorenkonferenz im Jahr 2010.

Wie wichtig Musik für den Einzelnen und für die Schulen ist, betont auch die Kultusministerkonferenz (KMK): Der praktische Umgang mit Musik „entwickelt Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit, fördert Kreativität und Erlebnistiefe sowie Genuss- und Gestaltungsfähigkeit, Phantasie und Toleranz“, heißt es in einer Leitlinie. Außerdem bereicherten Auftritte von Musikgruppen schulische Veranstaltungen und verbesserten so das Schulklima.

In der Praxis steht es um den Musikunterricht an deutschen Schulen allerdings weniger gut. Erst vor kurzem mahnte der Deutsche Kulturrat: „Ein Großteil des Unterrichts fällt entweder aus oder wird von fachfremden Lehrkräften unterrichtet“. Es gibt schlichtweg zu wenige Musiklehrer. Nach Untersuchungen des Verbands Deutscher Schulmusiker werden nur 20 bis 30 Prozent des Musikunterrichts an Grundschulen von fachspezifisch ausgebildeten Lehrern erteilt. Wenn Musiklehrer krank werden, findet sich an den meisten Schulen keiner, der sie fachgerecht vertreten kann. Daher fordern die Schulmusiker, dass mehr Studienplätze für die Musiklehrerausbildung zur Verfügung gestellt werden müssten, besonders im Grund- und Förderschulbereich.

Der Ausbau der Ganztagsschulen eröffnet zwar neue Chancen für musikalische Projekte aller Art. An den Gymnasien allerdings erweist sich die verkürzte Schulzeit von 13 auf zwölf Jahre (G8) zunehmend als Problem: Das Lernpensum der Schüler wurde gestrafft, und das geht zum Teil auf Kosten der künstlerischen Fächer. Ortwin Nimczik, Bundesvorsitzender des Verbands Deutscher Schulmusiker, sieht auch die schulische Ensemble- und AG-Arbeit gefährdet: „Schüler finden aufgrund der Stundenplanvorgaben keine Zeit mehr, im Schulchor oder in der Big Band zu musizieren, und Eltern melden ihre Kinder vom Schulorchester ab“ – die „Hauptfächer“ gingen vor.

Schwierige Zeiten also für die musikalische Bildung. Da lohnt ein Blick ins Ruhrgebiet, zum Projekt „Jedem Kind ein Instrument“. Im laufenden Schuljahr nehmen daran über 43 000 Kinder teil: Die Zweitklässler erlernen ein Instrument, die Erstklässler werden spielerisch auf den Unterricht vorbereitet. Diese Kinder erleben also, was UdK-Professor Joel Betton allen Kindern wünscht: „Musik muss man erfahren, selbst machen!“

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