Musikethnologie : Ein Segelschiff mit Saiten

Oboe oder Nehku: Die Musikinstrumente in europäischen Museen sollen digital zugänglich werden

Angela Iacenda,Doreen Werner

Die Hände in türkisfarbene Handschuhe gehüllt, trägt Susanna Schulz ein Instrument in die Musikinstrumentenabteilung des Ethnologischen Museums in Dahlem. Es erinnert an ein kleines Segelschiff, das jedoch anstelle von Segeln drei Saiten hat. „Der afghanische Musikbogen ist eine echte Rarität“, schwärmt die Museumsvolontärin und setzt ihn behutsam auf der dafür vorgesehenen Leinwand ab. Dort steht er nun und wartet darauf, fotografiert und digitalisiert zu werden. Sein Weg, der in den afghanischen Bergen begann, wird ihn jetzt ins Internet führen.

Normalerweise liegt der Musikbogen zusammen mit über 3000 außereuropäischen Instrumenten im Depot der musikethnologischen Abteilung der Museen Dahlem: in einem der großen braunen Glasschränke, in denen auch arabische Oud-Lauten, Trommeln und Flöten aller Art liegen sowie faszinierende Einzelstücke wie das Nehku, ein liebevoll verziertes rotes Horn, oder das aufwendig mit blauen Halbedelsteinen besetzte indische Begleitinstrument Tanpura.

Seit kurzem jedoch werden die Instrumente hervorgeholt und fotografiert, denn das Ethnologische Museum ist der Berliner Partner eines europäischen Projekts namens „Mimo“ (Musical Instrument Museums online). Ziel ist es, Instrumente aus europäischen Sammlungen zu digitalisieren und öffentlich zu machen. Am Ende sollen 45 000 Fotos von Instrumenten, 1800 Audiodateien und 300 Videoclips über das Internet frei zugänglich sein. Die Instrumente des Ethnologischen Museums sollen ab 2011 über Mimo mit Foto und oftmals mit Klangbeispielen im Netz zu finden sein. „Dann können sich Wissenschaftler und interessierte Laien informieren, welche Musikinstrumente in welchen Sammlungen vorhanden sind“, sagt Lars-Christian Koch, Leiter der musikethnologischen Abteilung. Elf europäische Museen sind beteiligt, in Deutschland sind dies auch das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg und das Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig.

In Berlin haben sich die Museumsleute entschlossen, die Instrumente in den Ausstellungsräumen zu fotografieren. Der Besucher kann so die Arbeit miterleben und sehen, wie nach und nach 3400 von den insgesamt 7000 Instrumenten des Ethnologischen Museums Dahlem fotografiert werden. „Wir hoffen, dass durch den freien Zugang das Interesse der Öffentlichkeit an außereuropäischer Musik und ihren Instrumenten steigt“, sagt Susanna Schulz, die als Volontärin für dieses Projekt arbeitet. Voller Begeisterung führt sie durch die Ausstellung und das Depot. Erstaunlich, wie unterschiedlich zum Beispiel Flöten aussehen können: Von prunkvoll mit feinen Schnitzereien verzierten bis ganz einfach aus Bambusstämmen gefertigten Instrumenten ist alles dabei: Es gibt Längsflöten, Kerbflöten, Innenspaltflöten und sogar eine Muscheltrompete.

Ein Blick in die Archivschublade der Flöten und Oboen offenbart aber auch Parallelen zu den hiesigen Instrumenten. „Im Laufe der Jahrhunderte hat es so viel Kulturaustausch gegeben, dass man nie genau sagen kann, wo ein Instrument herkam, das dann in Europa vielleicht nur weiterentwickelt wurde“, sagt Andreas Richter, wissenschaftlicher Angestellter des Museums. „Das Prinzip Oboe, also zwei Zungen, die gegeneinanderschlagen und so den Klang erzeugen, existiert überregional, nur jeweils in unterschiedlichen Ausführungen.“

Ein wenig unbefriedigend ist es schon, auf all die unantastbaren Instrumente in den Glasschränken und Regalen zu blicken, spürt der Besucher doch immer wieder den Impuls, eins von ihnen zum Klingen zu bringen. „Das geht uns ganz genauso“, bedauert Verena Höhn, ebenfalls wissenschaftliche Angestellte. „Aber viele der Instrumente klingen gar nicht mehr oder sind viel zu fragil, als dass man auf ihnen spielen könnte.“ Nicht immer ist zudem bekannt, wie die Stimmung eines Instruments sein muss. Dazu bedarf es des Spezialwissens von Fachleuten, die für Workshops oder Konzerte ins Museum kommen. Im Musikalischen Salon des Ethnologischen Museums stellen Musiker Instrumente aus ihrem Land vor. So waren vor kurzem ein Puppenspieler aus Zentraljava sowie ein Musikethnologe aus Bali vor Ort.

Wie die Instrumente in ihrer Heimat bei traditionellen Aufführungen geklungen haben, darüber können sich die Musikethnologen im Phonogrammarchiv informieren: Darin enthalten sind 16 000 Originalaufnahmen von Instrumenten auf Wachsrollen und 2000 Schellackplatten aus den verschiedensten Regionen der Welt. Einen Eindruck von der Klangvielfalt außereuropäischer Instrumente können Mimo-Nutzer demnächst vor dem heimischen Computer gewinnen.

Mehr Informationen im Internet:
www.mimo-project.eu
www.smb-spk-berlin.de


0 Kommentare

Neuester Kommentar