Musikgeschichte : Die Entführung in das Serail

Fremde Klänge: In der Musikgeschichte gab es nur wenige Berührungspunkte zwischen Orient und Okzident – bis der türkische Pianist Fazil Say kam. Von Frederik Hanssen

Frederik Hanssen
NO_TEXT2.JPG
Pianist Fazil Say akzeptiert keine Grenzen. -Foto: promo

Natürlich muss Fazil Say mit dabei sein. Der Pianist ist geradezu ein Kronzeuge, wenn es um den musikalischen Austausch zwischen Orient und Okzident geht. Dass beispielsweise die französische Tageszeitung „Le Figaro“ über ihn schreibt: „Er ist nicht nur ein genialer Pianist, er wird zweifellos auch einer der großen Künstler des 21. Jahrhunderts sein“, hat mit seiner Art zu tun, in alle Richtungen grenzüberschreitend zu denken.

Geboren 1970 in Ankara, kam Fazil Say als 17-Jähriger nach Deutschland, studierte in Düsseldorf und Berlin. Heute lebt er in New York – und verbringt seine Freizeit damit, durch die türkische Provinz zu reisen, um Werbung für westliche Musik zu machen. Wenn er sich beispielsweise auf dem Campus-Gelände in der anatolischen 800 000-Einwohner- Stadt Malatya an den Flügel setzt, dann weiß er, dass die allermeisten Zuhörer im Saal zum ersten mal mit Klassik konfrontiert werden. „Ich nehme diese Konzerte auch als Übungsmöglichkeit“, erklärt Fazil Say entwaffnend offenherzig. „Hier kann ich experimentieren und die Wirkung meiner Interpretation studieren“. Damit macht er sich fit für seine Auftritte in den Musikmetropolen des Westens und bereitet gleichzeitig in seiner Heimat den Boden für andere Interpreten europäischer Kunstmusik. Eine klassische Win-Win-Situation.

Bei der „Klangreise Orient – Okzident“, die das Konzerthaus am Gendarmenmarkt im Rahmen der Initiative „Europa im Nahen Osten – Der Nahe Osten in Europa“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften veranstaltet, wird Fazil Say am 29. September in Berlin zu erleben sein: mit Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert C-Dur KV 467, das er bereits auf CD herausgebracht hat. Und als Zugabe, das kann man jetzt schon voraussagen, wird der leidenschaftliche Jazz-Fan wahrscheinlich eine spontane Improvisation über Mozarts Rondo „Alla turca“ aus der A-Dur-Sonate hinlegen – und den Saal damit zum Jubeln bringen.

So ahnungslos die meisten Türken Bach, Beethoven und Brahms gegenüberstehen, so wenig weiß auch der durchschnittliche Konzertbesucher hierzulande über orientalische Musik. Bis eben auf Mozarts berühmtes „Alla turca“ und seine Oper „Die Entführung aus dem Serail“.

Was im 18. Jahrhundert aus dem Osmanischen Reich an westliche Ohren drang, war „Janitscharenmusik“, Kriegsklänge einer Elitetruppe, die im Feld mit Pauken, Becken, Schalmeien und Trompeten musikalisch-martialisch die Schlagkraft der Truppen verkünden sollte. Als die Türken 1683 zum zweiten Mal Wien belagerten, hörte man die kurzphrasigen, ornamenthaften Melodien mit ihren scharfen Lautstärke-Kontrasten fast bis in die Adelspaläste.

Nach dem Sieg über die Türken wurden die Janitscharen-Kapellen dann zu echten Modeobjekte, sowohl Friedrich der Große als auch August der Starke hielten sich türkische Ensembles am Hof. So kam es, dass Trommel und Becken ihren Weg zunächst in die europäische Militärmusik und dann auch in den Sinfonieorchester fanden. Zusammen mit der Piccoloflöte und der großen Trommel wurden Becken- und Pauken-Klang zum Inbegriff des Militärischen. Sogar in Ludwig van Beethovens neunter Sinfonie findet sich ein Nachhall der Janitscharenmusik, im berühmten Finalsatz mit den Schlusschor „Ode an die Freude“ an der Stelle, wenn der Tenor sein Solo singt: „Froh wie seine Sonnen fliegen durch des Himmels prächt’gen Plan, laufet, Brüder, eure Bahn, freudig, wie ein Held zum Siegen“. Von Beethovens „morgenländischem Messing-Orchester“ sprach der Rezensent der „Allgemeinen Zeitung“ nach der Uraufführung 1824.

Vier Jahre später wurde Guiseppe Donizetti, der ältere Bruder des Opernkomponisten, zum osmanischen Hofkapellmeister ernannt – und führte als „Neuerung“ bei den Türken jene europäische Militärmusik ein, die einstmals dank des orientalischen Instrumentariums „erfunden“ worden war. Ein Jahrhundert später wurde der deutsche Komponist Paul Hindemith von der türkischen Regierung beauftragt, in Ankara ein Konservatorium zu gründen. Seitdem existiert ein Musikleben nach westlichem Vorbild. Das Opernhaus von Istanbul beispielsweise leitete von 1989 bis 1994 Renato Palumbo, der derzeitige Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin.

Auch wenn Klassik bis heute in der Türkei ein Vergnügen für eine hauchdünne Elite darstellt, im Abendland ist der Orient musikalisch eine echte terra incognita. Das soll sich jetzt ändern: In dieser Spielzeit nämlich beschäftigen sich diverse Berliner Institutionen mit türkischer Musik, von den Berliner Philharmonikern bis zur Rundfunkorchester und -chöre GmbH.

Eröffnet aber wird die „Klangreise“ vom Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Am 26. September feiern das Pera-Ensemble Istanbul und das Ensemble „L’arte del mondo“ gemeinsam eine „Fete au Sérail“ mit lokalkoloristischen Werken von Cannabich und Mozart sowie Stücken aus der Feder von zwei Europäern, die das osmanische Musikleben im 18. Jahrhundert vor Ort kennen gelernt hatten. Dem Polen Wojciech Bobowski, der als Sklave nach Konstantinopel verschleppt worden war und später zum Islam konvertierte, dann als Ali Ufki in der Hofkapelle Karriere machte; sowie dem rumänischen Prinzen Dimitrie Cantemir, der lange im Nahen Osten gelebt hat.

Das „ensemble unitedberlin“ konfrontiert am 27. 9. traditionelle arabische Musik mit zeitgenössischer türkischer Musik. Am 28.9. dann präsentiert das „Ikhlas Ensemble“ marokkanische Frauengesänge.

Bevor am 30. 9. Saleem Abboud- Ashkar bei seinem Klavierabend Mozart, Haydn und Bartok nahöstlichen Komponisten wie dem aus Ungarn nach Israel emigrierten Ödön Partos gegenüberstellt, wird am 29. und 30. 9. das Konzerthausorchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Lothar Zagrosek zu erleben sein: Das exquisit-assoziativ zusammengestellten Programm führt von Karol Szymanowskis „Liedern des verliebten Muezzin“ über Fazil Says Auftritt mit Mozarts C-Dur-Klavierkonzert zu „Maqbara“ des Spaniers José Maria Sánchez-Verdu, der hier den maurischen Traditionen seiner Heimat nachspürt, bis zum Schleiertanz aus Richard Strauss’ „Salome“. Klingt gut.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben