Musikwissenschaft : Die Partitur der Erben

Unter Carl Dahlhaus, der jetzt 80 geworden wäre, hatte Berlins Musikwissenschaft ihre große Zeit. Jetzt wird an dem Fach gespart.

Udo Badelt

„Ein paradiesisches Klima, in dem man unendlich kreativ und frei studieren konnte“, herrschte einst am musikwissenschaftlichen Institut der Technischen Universität Berlin. Die Professorin Helga de la Motte-Haber hat es noch selbst erlebt – an der Seite ihres großen Kollegen und Lehrers Carl Dahlhaus. Dahlhaus, der am gestrigen 10. Juni 80 Jahre alt geworden wäre, ist nicht nur in der Berliner Musikwissenschaft bis heute unvergessen. Gestern begann am Staatlichen Institut für Musikforschung am Potsdamer Platz ein internationales Symposium zum wissenschaftshistorischen Stellenwert von Dahlhaus’ Schriften und zu seiner Aktualität für die heutige Forschung.

An seinem einstigem Institut an der TU – Dahlhaus starb 1989 in Berlin – dagegen herrscht Katerstimmung. Und auch an den anderen Berliner Universitäten ist die Stimmung nicht ungetrübt. Die Schließung der TU-Musikwissenschaft ist seit Jahren beschlossen, neue Studierende werden schon seit 2004 nicht mehr aufgenommen. Zu den Blütezeiten Ende der 90er Jahre bevölkerten 850 Studierende die Gänge und Seminarräume, in denen Dahlhaus einst die Musikwissenschaft auf ganz neue Grundlagen gestellt hatte. Heute sind es noch 200. Um sie kümmern sich noch zwei Professoren: Christian Martin Schmidt als Dahlhaus’ Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Musikgeschichte und Elena Ungeheuer als Nachfolgerin von Helga de la Motte-Haber auf dem Lehrstuhl für systematische Musikwissenschaft sowie zwei wissenschaftliche Mitarbeiter und eine Reihe von Privatdozenten und Lehrbeauftragten. Die Atmosphäre sei aber immer noch arbeitsam, betont Christian Martin Schmidt. Er betreut noch immer 30 Promovenden. Selbstverständlich würden alle Studierenden bis zum Abschluss geführt. Die beiden Professuren sind jedoch „KW-gesetzt“, das bedeutet „Keine Wiederbesetzung“. Spätestens im März 2010 ist Schluss.

Die Tradition, die damit endet, ist groß. Denn die TU spart im Zuge der Berliner Finanzkrise nicht nur die Musikwissenschaft ein, sondern fährt die gesamte einst legendäre geisteswissenschaftliche Fakultät auf ein Minimum zurück. Dahlhaus, der zunächst als Dramaturg in Göttingen und Redakteur der „Stuttgarter Zeitung“ gearbeitet hatte, war hier ab 1967 Professor für Musikgeschichte. Hatte die Musikgeschichte vorher bei Brahms und Bruckner geendet öffnete er – nicht als einziger, aber doch maßgeblich – die Disziplin für die Musik der Gegenwart der 50er und 60er Jahre. Dahlhaus trat regelmäßig als Redner bei den „Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik“ auf, traf dort Adorno und hielt Kontakt zu Komponisten. Der Schwerpunkt seiner Arbeit lag dennoch auf dem 19. Jahrhundert und hier vor allem auf Wagner. Dahlhaus hat ein Fach systematisiert, das bis dahin im Grunde nur historische Epochen aneinandergereiht hatte und sich nicht für Noten und Analyse, „sondern für Stil und Ästhetik als etwas, das über der Musik schwebt, interessiert hat“, wie es Christian Martin Schmidt formuliert.

Drei Institute für die zu Beginn des Jahrzehnts rund 2000 Studierenden der Musikwissenschaft in Berlin seien nicht zu viel gewesen, zumal sehr verschiedene Ansätze verfolgt worden seien, sagt Schmidt. Die Sparvorgaben des Senats waren aber eindeutig. Die drei Universitäten einigten sich 2005 auf einen gemeinsamen Strukturplan, der das Ende der Musikwissenschaft an der Freien Universität und an der TU vorsieht, um das Fach künftig an der Humboldt-Universität zu konzentrieren. Daneben wird die Disziplin weiterhin an der Universität der Künste und der Hochschule für Musik Hanns Eisler angeboten. Inzwischen gehört das Seminar an der FU zum Institut für Theaterwissenschaft, was es zumindest vorläufig gerettet haben könnte. Jetzt ist sogar eine Forschungsprofessur neu ausgeschrieben worden. Eigenes Personal für die Bibliothek gibt es aber nicht mehr, die Theaterwissenschaft verwaltet den Buchbestand mit.

An der Humboldt-Universität allerdings kann von einem Ausbau keine Rede sein – im Gegenteil. So sei die Zahl der Assistenzstellen verringert worden, sagt Hermann Danuser, der als Herausgeber der Gesammelten Schriften von Carl Dahlhaus einer der wichtigsten Forscher in dessen Nachfolge ist. Das Seminar ist nun dem Institut für Kultur- und Kunstwissenschaften angegliedert. 40 Studienanfänger können sich für den kombinierten Bachelor „Musik und Medien“ einschreiben. Für den anschließenden Master, in dem Musikwissenschaft wieder alleine studiert wird, stehen dann nur noch 15 Plätze zur Verfügung. Wenn alle Magister ihr Studium abgeschlossen haben, wird es wohl ruhiger werden in dem Seminargebäude am Kupfergraben.

Hermann Danuser ist aber trotzdem zuversichtlich, dass die Forschung in jeder bürokratischen Konstruktion blühen kann. „Wichtig ist, was man daraus macht. Dafür ist doch Carl Dahlhaus selbst das beste Beispiel.“ Udo Badelt

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