Muslimische Begabtenförderung : „Der Staat erkennt Muslime an. Das hat enorme Symbolkraft"

Seit einem Jahr gibt es das Avicenna-Studienwerk für begabte muslimische Studierende. Im Wintersemester fließen die ersten Stipendien - vermutlich vor allem an junge Frauen. Ein Gespräch mit dem Geschäftsführer Hakan Tosuner.

von
Hakan Tosuner.
Hakan Tosuner.Foto: promo

Im vergangenen Juli hat das Avicenna-Studienwerk die Anerkennung des Bundesbildungsministeriums bekommen, im Wintersemester wollen Sie erstmals Stipendiaten fördern. Wissen Sie schon, wen?

Noch nicht, aber bald werden wir das wissen. In der letzten Woche haben wir die Einladungen zu den Auswahlgesprächen verschickt, die im August und September stattfinden werden. Ende September, also pünktlich zum Wintersemester, werden alle Namen feststehen.

Welche Tendenzen gibt es?

Wir haben mehr Bewerberinnen als Bewerber, etwa 55 zu 45 Prozent, und denken, dass wir deshalb auch mehr Frauen als Männer fördern werden. Es haben sich viele Medizinstudierende beworben – das hat mit dem Numerus clausus für Medizin zu tun, aber auch mit dem sozialen Prestige des Arztberufs.

Wie erklärt sich der Andrang der Frauen?

Danach werden wir oft, etwas ungläubig, gefragt. Die Vorstellung dahinter ist, dass die muslimische Gemeinschaft sehr männerdominiert ist. Frauen engagieren sich da aber besonders. Und sie sind ehrgeiziger. Das spiegelt sich in den Bewerbungen. Ich würde sagen: Es spiegelt muslimische Normalität. Die anscheinend der gesamtgesellschaftlichen Normalität entspricht.

Sie wollen ja wie andere Studienstiftungen auch nicht nur Bestnoten belohnen, sondern auch Engagement. Wie engagieren sich Ihre Bewerberinnen und Bewerber?

Auch das verteilt sich breit. Viele sind in den Moscheegemeinden aktiv, aber es gibt auch politisch in Parteien und Hochschulen Engagierte, viele machen Bildungsarbeit. Aus vielen spannenden Lebensläufen lässt sich lesen, wie viel die jungen Leute schon in ihrem Alter erreicht haben. Natürlich schauen wir auch auf die Noten, aber dieser Punkt ist elementar.

Wie viele Bewerbungen sind eingegangen?

Gerechnet hatten wir mit 200 bis 250, überraschenderweise waren es dann etwa 600. Wir hatten im Vorfeld viele Informationsveranstaltungen organisiert, an Unis, in Gemeinden, das hat anscheinend geholfen.

Ist das Angebot, ein Studium finanziert zu bekommen, nicht ein Selbstläufer?

Viele muslimische Abiturientinnen und Abiturienten kommen aus bildungsfernen Elternhäusern, da ist die Kenntnis über Fördermöglichkeiten nicht sehr verbreitet. Hinzu kommt, dass die meisten es kaum glauben konnten, das haben wir während unserer Informationsveranstaltungen erfahren. Wie, der Staat unterstützt Muslime? Einfach so? Die Beziehungen zwischen Staat und Muslimen sind ja keine einfachen. Dass es auf dem wichtigen Gebiet Bildung jetzt Gleichbehandlung mit anderen Akteuren gibt, davon musste ich viele erst einmal überzeugen. Es hat eine enorme Symbolkraft, dass der Staat Muslime über die Förderung der Avicenna-Stiftung jetzt als wichtige gesellschaftliche Akteure anerkennt. Ich denke, vollends wird sich das in den nächsten Jahren zeigen, wenn unsere Stipendiaten diese Botschaft als Multiplikatoren in die muslimische Community hineintragen: Schaut, ihr könnt in dieser Gesellschaft etwas erreichen.

Eine verbreitete Kritik lautet: Warum fördert der Staat überhaupt konfessionelle Studienstiftungen?

Er fördert nicht nur konfessionelle. Es gibt auch gewerkschafts- und arbeitgebernahe und es gibt die der politischen Parteien. Relevanten gesellschaftlichen Gruppen soll dabei geholfen werden, ihren Nachwuchs zu fördern. Das ist ein Stück gelebter Pluralismus. Sollten sich Hindus als relevante Gruppe herausstellen oder eine neue Partei, hätten sie dieses Recht auch.

Eigentümlich an Avicenna ist, dass kein Geld von den muslimischen Verbänden kommt, anders als bei Kirchen und Verbänden. Die Anschubfinanzierung kommt von der Stiftung Mercator. Soll das so bleiben?

Die muslimischen Verbände haben aktuell viele andere Baustellen und kein Geld für uns. Wenn die Finanzierung durch Mercator für die Aufbauphase ausläuft, sollten sie uns unter die Arme greifen. Wir sind ja auch nicht riesengroß, unsere finanzielle Absicherung wird sich eines Tages von ihnen schultern lassen. Ideell stehen sie ohnehin hinter uns, sie haben uns alle Türen geöffnet und Werbung für uns gemacht. Die Zukunft unserer Kinder ist uns wichtig, dieses Bewusstsein ist da.

Autor

7 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben