Wissen : Mut zum Kind

Die Juniorprofessorinnen an der HU bekommen früher Nachwuchs als andere Akademikerinnen

Cornelia Raue

Die Zahlen sind bekannt: Laut Statistischem Bundesamt haben 42 Prozent der westdeutschen Akademikerinnen keine Kinder. Im Ostteil des Landes sieht das traditionell etwas besser aus, aber auch da bekommen Hochschulabsolventinnen immer weniger Kinder. Die jährliche Kinderlosen-Zuwachsrate von über einem Prozent in den letzten zehn Jahren lässt keine Trendwende absehen. Das ist nicht nur fatal für die Sozialversicherungssysteme des Landes, sondern auch für den Wissenschaftsstandort Deutschland. Denn als eines der Ergebnisse der Pisa-Studie steht fest: Der Bildungsgrad der Mutter steht in einem positiven Zusammenhang mit dem Lernerfolg ihrer Kinder.

An der Humboldt-Universität wurden seit 2001 bereits 45 Juniorprofessuren besetzt, ein Drittel davon mit Frauen. Immerhin haben von diesen knapp die Hälfte ein oder zwei Kinder, die kurz vor oder während der Einstellung geboren wurden. Bei ihrer Antrittsvorlesung sind sie im Schnitt 34 Jahre und so nicht nur junge Professorinnen, sondern auch vergleichsweise junge Mütter. Nicht selten bekommen Akademikerinnen ihr erstes Kind erst mit Ende 30, Anfang 40. Damit beweisen diese Frauen der Humboldt-Universität mehr Mut als der akademische Rest der Republik, Karriere und Kind zusammen zu leben. Ist es zulässig, daraus abzuleiten, besondere Qualitäten ihres Arbeitsumfeldes erleichtere es den Humboldtianerinnen, Kinder- und Karrierewunsch zu vereinen?

Genauer nachgefragt, findet sich auch unter diesen jungen Akademikerinnen eher jene Grundhaltung, die Kinder und Karriere zu sich gegenseitig ausschließenden Lebensentscheidungen macht. So sehen bei der jüngsten Umfrage der Humboldt-Universität unter ihren Juniorprofessorinnen lediglich zwei der befragten Frauen in der Juniorprofessur einen guten beruflichen Rahmen, um einen Kinderwunsch zu realisieren. Ihre männlichen Kollegen sind da optimistischer. Als Hinderungsgründe wurden sinkende Karrierechancen und inadäquate Arbeitszeiten ins Feld geführt. Darin sind sich Männer und Frauen wiederum einig.

Was ist es, dass selbst die Mütter unter den Juniorprofessorinnen mitunter an ihrer Entscheidung zweifeln lässt? Fehlt es an Vorbildern? Dabei sind die Bedingungen im Wissenschaftssystem im Vergleich zu anderen Branchen gar nicht so schlecht: Das Hochschulrahmengesetz sieht für alle Beamten die Möglichkeit einer Mutterschutzpause vor. Das Dienstverhältnis wird um die beanspruchte Zeit verlängert, das Elternzeitgesetz ermöglicht eine verkürzte Arbeitszeit. Die Konkurrenzfähigkeit der Juniorprofessorinnen ist nicht grundsätzlich gefährdet: Die Evaluationen verschieben sich, ein gemindertes Lehrdeputat im Zuge von Teilzeitvereinbarungen ist denkbar. Die Arbeitsabläufe im Wissenschaftssystem sind flexibler und erfordern keine dauerhafte Präsenz am Arbeitsplatz.

So entsteht der Eindruck, dass es eher gesellschaftlich-atmosphärische Gründe sind, die selbst Frauen, die sich bereits für Kinder entschieden haben, in eine defensive Rolle drängen. Es ist eine „gefühlte“ Unfreundlichkeit gegen jene, die neben der Wissenschaft ein zweites sehr forderndes Verantwortungsfeld zu betreuen haben. Dies kann selbst vergleichsweise gute berufliche Rahmenbedingungen trüben. Von einer kinderlosen Karrierekultur können übrigens Väter wie Mütter gleichermaßen betroffen sein.

Neben den gewiss unabdingbaren finanziellen und strukturellen Faktoren geht es also insbesondere auch um eine elternfreundliche Kultur innerhalb der Universität. Es bleibt viel zu tun. Ein Blick nach Skandinavien, wo Elterngeld nur bei partnerschaftlicher Teilung beruflicher Auszeiten gewährt wird, mag die Entscheidungsträger in den Ministerien inspirieren. An der Humboldt-Universität sollte es eines Tages so sein, dass sich die Institutsdirektorin freut, wenn der wissenschaftliche Nachwuchs mit Nachwuchs kommt!

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