Nach der Katastrophe in Nepal : Erdbebenvorhersage bleibt ein Wunschtraum

Alle Versuche, Erschütterungen vorab zu erkennen, sind gescheitert. Der Zufall entscheidet, wie stark sie werden. Dennoch kann die Menschheit einiges tun, um schlimmen Schaden abzuwehren. Ein Kommentar.

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Zerstört. Das Erdbeben von Nepal hat zahlreiche Gebäude zerstört, Tausende Menschen kamen ums Leben.
Zerstört. Das Erdbeben von Nepal hat zahlreiche Gebäude zerstört, Tausende Menschen kamen ums Leben.Foto: REUTERS/Danish Siddiqui

Die Katastrophe kam am helllichten Tag. Am Sonnabend, vier Minuten vor zwölf, fing der Boden in Nepal an zu zittern, riss Menschen von den Beinen und stürzte Gebäude zu Boden. Hunderte wurden eingeklemmt, erschlagen, erstickt. Damit nicht genug, immer wieder erschütterten Nachbeben die Region. Jeder weitere Erdstoß wurde für die traumatisierten Nepalesen und Bewohner angrenzender Länder zur physischen und psychischen Belastung. Rund 10.000 Menschen kamen jüngsten Berichten zufolge zu Tode.

Angesichts dieser Tragödie in einem Land, das ohnedies zu den ärmsten zählt, fragt man sich: Sind wir der Gewalt der Erde wirklich auf Gedeih und Verderb ausgeliefert? Können Erdbeben nicht vorhergesagt werden? Schließlich gelingt es bei Vulkanen unterdessen auch, anhand von Ausgasungen und zentimeterkleinen Veränderungen ihrer Gestalt zu erkennen, wann die Feuerberge erwachen. Ausbrüche lassen sich nicht vermeiden oder stoppen, klar. Aber Anwohner können rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden und so tausende Menschenleben gerettet werden.

Gasaustritte und aufgeregte Tiere als Boten?

Ähnliche Methoden wurden und werden auch für Erdbeben diskutiert. Grob vereinfacht passiert dabei folgendes: Zwei Erdplatten bewegen sich aufeinander zu und verkeilen sich ineinander. Während von den Seiten immer weiter geschoben wird, wächst die Spannung vorn an der Plattengrenze – bis das Gestein plötzlich zerreißt und die über Jahrzehnte „aufgestaute“ Bewegung binnen Sekunden nachgeholt wird.

Unmittelbar vor dem Zerreißen, so hoffen manche Forscher, muss sich doch etwas im Untergrund verändern, was sich als Indiz für ein drohendes Beben nutzen lässt. Nur was? Verstärkte Gasaustritte von Methan oder Radon wurden diskutiert, ebenso Änderungen des elektrischen Feldes. Andere suchten nach verräterischen Mustern in der Verteilung von vorangehenden Erdstößen. Auch Tiere werden immer wieder genannt, die sich angeblich vor einem Erdbeben auffällig verhielten.

Das Beben weiß selbst nicht, wie groß es am Ende sein wird

Tatsächlich mögen bei einzelnen Erdbeben aufgeregte Katzen, Schlangen und Vögel im Nachhinein als Vorboten der Katastrophe erscheinen, ebenso Gasausbrüche und Änderungen des elektrischen Feldes. Schaut man sich mehrere Beben an, erweisen sich die vermeintlichen Warner als äußerst unzuverlässig. Es drängt sich der Verdacht auf, dass zwei Dinge zufällig zu gleicher Zeit geschehen sind, ohne einen ursächlichen Zusammenhang.

Das erscheint umso plausibler, wenn man sich das Zerbrechen des Gesteins im Detail betrachtet. Es beginnt mit winzigen Mikrorissen, die sich vereinigen. Stück für Stück wird die Bruchfläche immer größer. Ob sie am Ende die Ausmaße einer Tischplatte, eines Fußballfeldes oder eines Flughafens einnimmt, ist nach Ansicht vieler Seismologen Zufall. Die Größe des Bruchs ist jedoch entscheidend für die Wucht eines Erdbebens, die Magnitude (die im Übrigen heute nur noch sehr selten nach der Formel für die „Richterskala“ berechnet wird, was aber viele Journalisten nicht davon abhält, das R-Wort kurzerhand einzufügen. „Magnitude“ allein reicht zu). Anders ausgedrückt: Das Erdbeben weiß zu Beginn gar nicht, wie heftig es am Ende sein wird. Woher sollte es die Katze wissen?

Häuser können vor dem Einstürzen bewahrt werden

Und doch können wir Menschen die Gefahr verringern, die von den ruckenden Erdplatten ausgeht. Zuerst müssen wir herausfinden, welche Gebiete besonders bebenträchtig sind. Kollisionszonen von Erdplatten wie der Himalaja, Kalifornien, die Ägäis oder die Türkei gehören unbedingt dazu. Genauere Untersuchungen in der Landschaft und der Blick in lokale Chroniken geben Hinweise darauf, an welchen Orten die Erdkruste bevorzugt bricht und welche Erdbebentypen darauf folgen. So warnen Forscher seit langem, dass es im Großraum Istanbul binnen der nächsten 30 Jahre mit hoher Wahrscheinlichkeit ein großes Erdbeben geben wird. Wann es kommt und wie heftig, kann keiner sagen. Mit dieser Unsicherheit müssen wir leben.

Vorsorge ist machbar. Bauingenieure haben verschiedene Methoden entwickelt, um Häuser vor dem Einsturz zu bewahren, zumindest bis zu einem bestimmten Grad. Es gibt Erdbebenfrühwarnsysteme, die Gasleitungen sperren, Züge stoppen und Kraftwerke herunterfahren, sobald die ersten seismischen Wellen registriert werden – und so schlimme Folgen verhindern. Katastrophenschützer haben Zeit, sich auf den Ernstfall vorzubereiten, können die Erfahrungen aus anderen Ländern heranziehen. Entscheidend ist, dass dies alles auch tatsächlich getan wird. Daran gibt es in der Türkei, aber auch anderswo, erhebliche Zweifel. Die Folgen der Fahrlässigkeit werden sich beim nächsten großen Beben zeigen.

 

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