nach Vulkanausbruch : Wurde die Scheibe von Nebra geopfert?

Die älteste Himmelsdarstellung der Welt könnte von den Menschen der Bronzezeit als wertlos erachtet worden sein, weil ein Vulkanausbruch den Himmel für über 20 Jahre verdunkelte.

Thomas Schöne
Leuchtet wieder. Die Himmelsscheibe von Nebra kann im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle besichtigt werden. Foto: dpa
Leuchtet wieder. Die Himmelsscheibe von Nebra kann im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle besichtigt werden. Foto: dpaFoto: dpa

Ein Vulkanausbruch mit einer riesigen Aschewolke auf der Mittelmeerinsel Thera (Santorin) vor rund 3600 Jahren hat die Himmelsscheibe von Nebra für die Menschen möglicherweise wertlos gemacht. Das vermuten Forscher der Universitäten Mainz und Halle. Sie erklären es so: Die auf der Insel hoch aufsteigende Vulkanasche verfinsterte bis nach Mitteleuropa den Himmel für 20 bis 25 Jahre. Während dieser Zeit wurde es auch ein bis zwei Grad kälter.

„Zudem gab es kühle und nasse Sommer mit verheerenden Missernten sowie außergewöhnlich kalte Winter“, sagt François Bertemes vom Institut für Kunstgeschichte und Archäologie Europas der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Für die Menschen der Bronzezeit, die einem Sonnenkult huldigten, waren diese Veränderungen unerklärlich. Ihr Glaube an die Götter sei erschüttert worden. „Sie stellten die Priesterschaft und ihre Rituale infrage“, erklärt Bertemes.

Die 3600 Jahre alte Himmelsscheibe von Nebra in Sachsen-Anhalt, die 1999 entdeckt wurde, gilt als die weltweit älteste konkrete Himmelsdarstellung. Wegen des Vulkanausbruchs war die Abbildung von Sonne, Mond und Sternen für die Menschen der Bronzezeit wertlos geworden, meinen Wissenschaftler. Das Symbol des alten Kultes wurde entweiht und zusammen mit zwei goldverzierten Schwertern, bronzezeitlichen Spiralringen und Bronzebeilen an einem damals heiligen Ort, auf dem Mittelberg bei Nebra vergraben und den Göttern geopfert.

„Die Vorgänge in der Natur müssen die prähistorischen Menschen in Mitteleuropa sehr durcheinandergebracht haben“, meint der Sedimentologe Frank Sirocko vom Institut für Geowissenschaften der Universität Mainz. Mit einer Arbeitsgruppe analysierte der Experte jahrelang die Auswirkungen von Wetter und Klima auf die Menschheitsentwicklung. Dazu nahm er auch den Vulkanausbruch auf der Mittelmeerinsel Thera nördlich von Kreta unter die Lupe.

„Das war eine Zäsur in der Bronzezeit, und es ist kein Zufall, dass die Nutzung der Ringanlage von Stonehenge vor 3600 Jahren endete und die Himmelsscheibe von Nebra vergraben wurde“, sagt Sirocko. „Möglicherweise sollte diese Handlung die Götter gnädig stimmen und sie dazu bewegen, die alten Zustände wiederherzustellen“, sagt Bertemes mit Blick auf die Himmelsscheibe. Das Original ist seit 2008 im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zu sehen. Am Fundort gibt es Informationen rund um die Bronzescheibe. (dpa)

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