Nachruf : Brot für die Welt

Zum Tod des Pflanzenforschers Norman Borlaug.

Hartmut Wewetzer

„Norman Borlaug ... wer zum Teufel ist Norman Borlaug?“ In einem Essay über den „moralischen Instinkt“ vergleicht der Harvard-Psychologe Steven Pinker Mutter Teresa, für viele die Verkörperung des Guten, mit dem amerikanischen Pflanzenforscher. Und kommt zu einem überraschenden Schluss: Mutter Teresa war zwar weltbekannt und ein Medienstar – der weithin unbekannte Borlaug aber war nicht weniger wohltätig, um das Mindeste zu sagen. Er rettete Millionen Menschen vor dem Hungertod, Pinker spricht gar von einer Milliarde.

Wer also war Borlaug? Der Bauernsohn aus Iowa gilt als der Vater der „grünen Revolution“. Geboren wurde er am 25. März 1914. Borlaug studierte an der Universität von Minnesota und ging als Experte für Pflanzenkrankheiten 1944 im Auftrag der Rockefeller-Stiftung nach Mexiko, um den Hunger zu bekämpfen.

Borlaug war niedergeschlagen von der Armut der mexikanischen Bauern, die sich kaum selbst ernähren konnten. In wenigen Jahren gelang es ihm in harter, entbehrungsreicher Arbeit jedoch, Weizensorten zu züchten, die einer Pilzerkrankung namens Braunrost trotzten und noch weitere günstige Eigenschaften hatten. Aber das war nur der erste Streich.

Zu dieser Zeit war bekannt, dass zusätzlicher Dünger die Ernte viel reicher ausfallen lässt. Das Problem war, dass die schweren Ähren die Stängel knickten. Borlaug löste es, indem er „kurzbeinigen“ Weizen züchtete. Die steifen, kurzen Stängel verhinderten das Umknicken. In den frühen 1960er Jahren hatten die mexikanischen Landwirte Borlaugs Züchtungen übernommen, die Weizenernte versechsfachte sich im Vergleich zu den 1940er Jahren. Die grüne Revolution war geboren, Borlaugs geniale Idee sprach sich herum.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Bevölkerung in vielen Regionen rasch. Mitte der 1960er Jahre musste auf dem indischen Subkontinent Getreide eingeführt werden, um eine Hungersnot zu verhindern. Auch hier forderte man nun Borlaugs Hilfe an. In Indien und Pakistan wurde sein mexikanischer Weizen eingesetzt. Der Erfolg war überwältigend –  und wiederholte sich in Lateinamerika. Auf den Philippinen wurde das gleiche Prinzip – kurze, ertragreiche Pflanzen – auf den Reis angewandt und von China übernommen, das damit den Grundstein für seinen wirtschaftlichen Aufstieg legte.

Für seine Verdienste im Kampf gegen den Welthunger wurde Borlaug 1970 mit dem Friedensnobelpreis geehrt. „Mehr als jede andere Person unserer Epoche hat er geholfen, Brot für eine hungrige Welt herbeizuschaffen“, urteilte das Komitee.

Kritik an den sozialen und ökologischen Folgen der grünen Revolution blieb nicht aus und wurde mit den Jahren schärfer. Borlaug konterte, dass es sich um Argumente von Menschen handelte, die wohlhabend seien und mit vollen Mägen ins Bett gingen. Zwar teilte er später manche Bedenken, doch sah er das Hauptproblem stets im ungebremsten Wachstum der Weltbevölkerung. Am Sonnabend ist Borlaug im Alter von 95 Jahren in Dallas den Folgen eines Krebsleidens erlegen. Hartmut Wewetzer

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