Nachruf : Grenzgänger der schönen Erkenntnis

Er erkundete Kontinente der Kunstwissenschaften: Zum Tode des Berliner Komparatisten Gert Mattenklott

Peter-André Alt
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Gert Mattenklott (1942–2009). Als Literaturwissenschaftler führte er das Erbe Walter Benjamins fort. Foto: Thilo Rückeis

In Zeiten beschleunigter geisteswissenschaftlicher Methodenwechsel, die oft nur dem Markt der Aufmerksamkeit gelten, wirkt die Kultur des freien Urteils exotisch. Wo unter dem Geschwader modischer Terminologien Einöden des Gleichförmigen entstehen, ist die risikofreudige Sprache intellektueller Neugierde ein Ausnahmephänomen geworden. Gert Mattenklott, Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin, war eine exzeptionelle Figur, weil er Stil als Ethos experimentellen Denkens praktizierte. Mattenklott, ein Reisender in den luftigen Reichen der Weltkunst, vereinte auf elegante Weise europäische Gelehrsamkeit und Lust am Widerspruch, methodisches Originalitätsbewusstsein und Affinität zum ästhetisch Ambivalenten.

Zahlreiche seiner Studien tragen die Signatur des intellektuellen Erprobungsspiels. Der Essay als „Versuch“ im emphatischen Sinn war die Gattung, die Mattenklott in besonderem Maße schätzte. Sie verband jene Qualitäten, die ihm zeitlebens wichtig waren: literarisch gegründete Form und absolute Freiheit der Reflexionsbewegung.

Als Schüler des Komparatisten Peter Szondi machte Mattenklott in unerhörtem Tempo eine glänzende akademische Karriere. 25-jährig wurde er an der Freien Universität promoviert, zwei Jahre später habilitierte er sich. 1972 erhielt er mit erst 30 Jahren den Ruf auf den früheren Lehrstuhl Max Kommerells an der Universität Marburg, wo er rasch zum bewunderten Star avancierte, dessen Seminare auch ein überregionales Publikum anzogen. Der junge Mattenklott war ein charismatischer Vertreter der Protestgeneration, ein Ganymed der Revolte, der Georg Lukács mit Nietzsche und Musil mit Marx las. Den Aufstand gegen die Verhältnisse inszenierte er konsequent als „ästhetische Opposition“. Dieser Begriff taucht bereits im Untertitel seiner Berliner Habilitationsschrift auf, die 1969 die Fachgutachter an der Freien Universität heftig provoziert hatte. Es handelte sich um eine Arbeit über den englischen Zeichner Aubrey Beardsley und den deutschen Lyriker Stefan George. Mattenklott setzte sich mit dieser Studie zwischen sämtliche Stühle. Die linke Avantgarde fand seine Beschäftigung mit George, dem Propheten des „Geheimen Deutschland“, der sich nie offiziell von den Nazis distanziert hatte, anrüchig. Die konservative Professorenschaft störte sich an der respektlosen Entlarvung der intellektuellen Mediokrität des George-Kreises und der kühlen Analyse seiner von Kalkül getriebenen literarischen Politik. Und das akademische Juste Milieu war darüber irritiert, wie in diesem Buch Literatur und Grafik, Lyrik und Photographie als sich wechselseitig erhellende Medien untersucht wurden – ein Verfahren, das damals, vor dem iconic turn der Geisteswissenschaften, den Geruch des Revolutionären trug.

Wenn ein Literaturwissenschaftler hierzulande das Erbe Walter Benjamins fortführte, dann war es Gert Mattenklott. Schon die Dissertation über „Melancholie in der Dramatik des Sturm und Drang“ traktiert ein zentrales Thema Benjamins, die Schwermut als Topos und als Form, als Motiv der Literatur und als Prinzip ihrer ästhetischen Organisation. Die Habilitationsschrift greift Benjamins Gespür für intermediale Konstellationen auf und entdeckt, seinen Baudelaire-Studien folgend, im Typus des décadent den verborgenen Rebellen, der an der Gesellschaft zerbricht. Benjamins essayistische Städtebilder und Reiseminiaturen, seine Analysen der modernen Wahrnehmungspraxis, seine Verklärung des ästhetischen Augenblicks, das Vergnügen am Unkonventionellen und Nicht-Kanonischen haben Mattenklotts geistige Physiognomie geprägt. An Benjamin geschult war nicht zuletzt sein Stil, der durch literarische Spannkraft und anarchische Spielfreude, durch Assoziationsbereitschaft und Bildmächtigkeit, durch den Wechsel von urbanem Feinsinn und hohem Ton gekennzeichnet blieb.

In vierzig Jahren rastloser wissenschaftlicher Publikationstätigkeit hat Gert Mattenklott ganze Kontinente der Kunstwissenschaften erkundet: Romantik und Fin de siècle, Lebensphilosophie und Jugendbewegung, Medienkonzepte und Erziehungslehren, Theorien der ästhetischen Erfahrung und des Geschmacksurteils bildeten seine Themen ebenso wie die Landschaften der Metropolen, die jüdische Kultur der Weimarer Republik, Ethnologie, Psychoanalyse und Wissenschaftsgeschichte. Mattenklotts außerordentliche Produktivität speiste sich aus dem intellektuellen Erfahrungshunger eines passionierten Reisenden. Der war er nicht nur auf geistigem Gebiet, sondern auch im Wortsinn. Den Bahnhof hat er einmal als „Ort der großen Verwandlung“, die Abfahrt als „Orgie des Aufbruchs“ charakterisiert. Das Schreiben in Zügen und Flugzeugen war nicht allein dem äußeren Zwang geschuldet. Es entsprach auch seinem Verständnis von intellektueller Erkenntnis als Medium für die Wahrnehmung offener Horizonte. Schreiben bedeutete so ein Sich-Entwinden, eine Wanderung durch unerschlossenes Gelände, ohne den Kompass der alten Begriffe.

1994 kehrte Gert Mattenklott als Nachfolger Eberhard Lämmerts an die Freie Universität zurück. Den Forderungen des institutionellen Betriebs hat er sich mit der ihm eigenen Mischung aus Neugierde und Pflichtgefühl gestellt. Er war Gründungsdekan des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften, aktiv am Aufbau zweier Sonderforschungsbereiche beteiligt. Stets hat er seine Rolle als Intellektueller auch dazu genutzt, öffentlich das Wort zu ergreifen. Zeitungskritiken, Podiumsdiskussionen, Rundfunkbeiträge und Reden zeigten ihn als genau beobachtenden Zeitgenossen, der soziale und politische Konfliktlagen stets ungewöhnlich, mit ästhetischem Esprit, zu kommentieren wusste.

„In der literarischen Welt herrscht keine Demokratie. Jeder Autor ist Monarch, und seine Anhängerschaft ist, indem sie von einem zum anderen wechselt, immer aufs Neue promisk und schamlos in ihrer Neugier und Hingabebereitschaft. Das Wissen und die Lust, die jeder von ihnen bereitet, sind einmalig und unverwechselbar.“ So formulierte Gert Mattenklott in seiner Laudatio auf Orhan Pamuk, dem die Freie Universität auf seine Initiative 2007 die Ehrendoktorwürde verlieh. Wie so oft in Mattenklotts Texten schwang auch hier ein Moment des versteckt Bekenntnishaften mit: das Eingeständnis, dass die spielerische Lust an der Literatur dem anarchisch Imaginären entspringt, das keine harten Fakten und sterilen Ideologien, aber auch keine Moral und keine Treue kennt.

Von Stefan George hat Mattenklott nie ganz lassen mögen. Zu ihm und seinem Werk verhielt er sich im Gestus skeptischer Bewunderung, in jener spannungsvollen Einstellung, aus der die besten Erkenntnisse philologischer Forschung erwachsen. Er selbst sah sich weder als Jünger noch als Meister, weil ihm Dogmatik fremd blieb. Den Zwängen der Weltanschauungen und dem Druck der Konventionen hat er sich mit der leichtfüßigen Eleganz des Flaneurs entzogen. Er war ein kongenialer Leser, ein exzellenter Stilist, ein brillanter akademischer Lehrer, dessen juveniler Charme alle bezauberte, die das Glück hatten, ihn zu kennen. Gert Mattenklott, der nie wirklich zu altern schien, ist am 3. Oktober mit 67 Jahren in Berlin gestorben.

Der Autor ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Freien Universität und Direktor der Dahlem Research School.

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