Nachruf : Hans Witzgall ist tot

Der Berliner Internist Hans Witzgall war ein Arzt mit Forschergeist.

Einer der bekanntesten Berliner Ärzte der Nachkriegszeit, der die medizinische Entwicklung in Deutschland maßgeblich geprägt hat, ist gestorben. Der Internist und langjährige Direktor des Martin-Luther-Krankenhauses (MLK), Professor Hans Witzgall starb in der Nacht zum 21. März im Alter von 92 Jahren.

Seit 1946 lebte der gebürtige Franke in Berlin. Nach dem Studium in Erlangen und Kiel und einer Zeit als Truppenarzt betreute er Kriegsgefangene bis er ans MLK kam. Dort wurde er schon bald Oberarzt in der Inneren Medizin. Mit großem Engagement arbeitete er daran, den durch den Krieg entstandenen Rückstand auf den medizinischen Stand der Zeit aufzuholen. Während dieser Periode lernte er viel von dem damaligen Chefarzt der Inneren Medizin und Fachbuchautor, Fritz Munk, den er sehr verehrte und den er nach dessen Tod in seiner Funktion ablöste.

Witzgall habilitierte über die Eiweißbindung von Sulfonamiden – im Laufe seiner gesamten Laufbahn blieb er immer auch Naturwissenschaftler. Den Grundgedanken, stets Forscher zu bleiben und die Probleme der Medizin immer wieder zu hinterfragen, vermittelte er auch seinen Schülern. „Er wird mir in jeder Hinsicht immer Vorbild bleiben“, sagt der Internist Jürgen Holdorff über ihn, der als Witzgalls Assistent am MLK tätig war.

Auch die Schulmedizin selbst betrachtete Witzgall zuweilen kritisch. Seinen Patienten vermittelte er, dass zur Heilung mehr gehöre als die reine naturwissenschaftliche Medizin, ohne dabei auf alternative Heilslehren zu verweisen oder persönliche Glaubensbekenntnisse abzugeben. Mit dieser offenen Einstellung war Hans Witzgall sehr modern für seine Zeit – eine Eigenschaft, die er sich bis zuletzt bewahren konnte. „Er ist bei wachem Verstand gestorben – immer wieder überraschte er mit seinem fundierten Wissen zu den neuesten medizinischen Entwicklungen“, sagt Manfred Waetke, der 20 Jahre lang mit ihm am MLK arbeitete.

Mehr als 25 Jahre prägte Hans Witzgall die Geschichte des Berliner Krankenhauses. Als Mitglied im Montagsclub – dem ältesten Club Berlins, in dem schon Lessing Mitglied war – sowie im Rotary Club und im Förderverein der Deutschen Oper war er in der Hauptstadt tief verwurzelt.

Nach schwerer Krankheit starb er zu Hause in Berlin-Dahlem. Hans Witzgall hinterlässt seine Frau, die ebenfalls Ärztin ist, und drei Töchter. dal

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