Nahrungsergänzungsmittel : Verrückt nach Magnesium

Viele Menschen schwören auf Vitamine und Mineralstoffe, die sie zusätzlich zur Nahrung aufnehmen. Aber wer braucht sie wirklich?

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Wohl bekomm’s. In Supermärkten und Drogerien gibt es mittlerweile ein breites Angebot an Nahrungsergänzungsmitteln. Sie sehen zwar „echten“ Medikamenten oft zum Verwechseln ähnlich, werden aber als Nahrungsmittel eingestuft und dürfen dementsprechend auch nicht mit Heilungsversprechen aufwarten.
Wohl bekomm’s. In Supermärkten und Drogerien gibt es mittlerweile ein breites Angebot an Nahrungsergänzungsmitteln. Sie sehen zwar...Foto: Caro / Teich

Wer Obstsalat oder einen Broccoli-Auflauf zu sich nimmt, mag das im Bewusstsein tun, etwas Gesundes zu essen. Zugleich stehen die Chancen gut, dass ihm das Gericht auch schmeckt. Bei Nahrungsergänzungsmitteln in Pillen- oder Pulverform ist das anders. Wer sie schluckt, tut das allein wegen der erhofften gesundheitlichen Wirkung. „Allerdings kaufen vor allem diejenigen Konsumenten solche Produkte, die ohnehin schon eine günstige Nährstoffzufuhr haben“, sagt Thorsten Heuer vom Institut für Ernährungsverhalten am Max-Rubner-Institut in Karlsruhe.

Wie die Nationale Verzehrstudie II ergab, für die fast 14 000 Bürger zu ihrer Ernährung befragt wurden, ergänzen fast 30 Prozent der Frauen und 19 Prozent der Männer ihren Speisezettel durch Pillen, Kapseln und Drinks, die Vitamine, Mineralstoffe oder Pflanzenprodukte, Botanicals, enthalten. Bei den Frauen über 65 ist es sogar fast die Hälfte. Das 14. Forum Verbraucherschutz des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) in Berlin widmete sich nun dem Thema „Nahrungsergänzungsmittel: Notwendig, Luxus oder gesundheitliches Risiko?“ Die Antwort lautete: Kommt ganz drauf an.

Wenn man eine junge Frau ist, die in absehbarer Zeit schwanger werden möchte oder es schon ist, dann ist die Einnahme des Vitamins Folsäure kein Luxus, sondern ausgesprochen vernünftig, wie die Kinderärztin Hildegard Przyrembel erläuterte, die für die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde tätig ist. Unter anderem wird die Folsäure gebraucht, damit sich während der Embryonalentwicklung das Nervensystem richtig entwickelt. Zwar sind grünes Blattgemüse, Tomaten, Hülsenfrüchte, Vollkorngetreide und Eier gute Quellen für Folat. Untersuchungen zufolge erreichen 86 Prozent aller Frauen aber die Zufuhrempfehlungen nicht. Und in der Schwangerschaft wird noch einmal 50 Prozent mehr Folsäure gebraucht.

Bilden auch Sportler eine solche Gruppe, die mehr Vitamine und Mineralstoffe braucht, als sie mit der Nahrung aufnehmen kann? Die Frage liegt nahe, müssen doch Leistungssportler auf etwas achten, was der Normalbevölkerung meist spielend gelingt: sich ausreichend mit Energie zu versorgen. Dazu kommt, dass sie je nach Sportart auch auf ihre Versorgung mit Eiweiß und unter Ausdauerbelastung auch mit Kohlenhydraten aufpassen müssen.

Bisher fehle der wissenschaftliche Beweis dafür, dass Athleten mehr Mikronährstoffe wie Vitamine oder Spurenelemente brauchen als körperlich passivere Menschen, berichtete Hans Braun von der Deutschen Sporthochschule Köln. Mit dem gefühlten Bedarf sehe es anders aus: „Der Sport lebt schließlich stark von persönlichen Erfahrungen, Anekdoten und Mythen“, sagte der Ernährungs- und Sportwissenschaftler, der am Olympiastützpunkt Rheinland Spitzensportler betreut. Eine Pilotstudie unter Nachwuchsathleten ergab, dass fast die Hälfte von ihnen Nahrungsergänzungsmittel einnimmt, allerdings ganz unterschiedliche Produkte. „Es ist keine klare Linie zu erkennen, es herrscht einfach das Gefühl, etwas tun zu müssen, da der Gegner sicher auch etwas macht“, sagte Braun.

Spitzenreiter war bei seinen Untersuchungen ein Eishockeyspieler der 2. Liga, dem sein Trainer täglich 45 Tabletten und sieben Esslöffel Pulver „verordnet“ hatte. Trainer und Eltern jugendlicher Sportler forderte Braun auf, wesentlich kritischer zu werden. Allen Breiten- und Gesundheitssportlern aber, die privat, im Fitnessstudio oder im Verein trainieren, versicherte der Sportwissenschaftler: „Sie sind auf jeden Fall in der Lage, dreimal in der Woche in Ihrer Freizeit Sport zu treiben, ohne dafür Nahrungsergänzungsmittel schlucken zu müssen!“

Am populärsten ist unter deutschen Sportlern anscheinend das Magnesium. Acht von zehn Leistungssportlern nehmen es gegen Krämpfe und Muskelprobleme. „Dabei wurde nie bewiesen, dass es gegen belastungsbedingte Krämpfe wirkt“, sagte Braun. In England nehme nur jeder zehnte Athlet Magnesium.

Magnesiumpräparate führen laut Nationaler Verzehrstudie auch in der weniger sportlichen Normalbevölkerung die Hitliste der Mineralstoff-Supplemente an, wie Heuer berichtete. Unter den Vitaminen führt das Vitamin C. Studien zeigen jedoch, dass die Deutschen sich die wichtigsten Vitamine und Mineralstoffe mit den ganz normalen Lebensmitteln ausreichend zuführen.

„Die gesunde Bevölkerung braucht keine Nahrungsergänzungsmittel, aber es gibt bestimmte Gruppen, für die sie wichtig sein könnten“, resümierte Pia Noble vom Verbraucherschutzministerium. Bei einigen Substanzen, wie Vitamin A oder Magnesium, könne es sogar zu viel werden, wenn man noch zusätzlich Pillen oder Pülverchen schlucke, warnte Heuer. Dann wird das vermeintlich gesundheitsbewusste Verhalten vom Luxus zum Risiko.

Eine Untersuchung, die Mark Lohmann vom BfR und seine Arbeitsgruppe in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Konsumforschung anstellten, zeigt, dass drei Viertel der Käufer von Nahrungsergänzungsmitteln keine Risiken sehen. Einzelinterviews mit einer kleinen Gruppe von ihnen hätten sogar ergeben, dass das Ansprechen dieser Thematik Unwillen erregte, sagte Lohmann. „Das Wort Risiko sollte man also möglichst nicht erwähnen.“

Obwohl Nahrungsergänzungsmittel nicht mit dem Versprechen auf Heilung von Krankheiten beworben werden dürfen, werden sie oft mit vollmundigen Versprechungen vermarktet. Kerstin Stephan vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sprach von „einer ganzen Menge an Produkten, bei denen man nach der Sinnhaftigkeit fragt“. Schaden könnten sie, wenn ihre Einnahme Menschen davon abhält, wirkungsvolle Behandlungen zu beginnen. Für Produkte, die aus üblicherweise nicht auf dem Speiseplan stehenden Bestandteilen, wie etwa den Blättern von Olivenbäumen, gewonnen würden, sei zudem das Etikett „Nahrungsergänzung“ problematisch.

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