Nahrungsmittelallergien : Ein Hauch von Erdnuss

Nahrungsmittelallergien plagen viele Menschen. Charité-Forscher melden nun einen Therapieerfolg.

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Mit Vorsicht zu genießen. Viele Lebensmittel können Spuren von Nüssen enthalten und sind für Allergiker gefährlicher. Foto: ddp
Mit Vorsicht zu genießen. Viele Lebensmittel können Spuren von Nüssen enthalten und sind für Allergiker gefährlicher.Foto: ddp

Nicht für alle Menschen sind Erdnüsse nur „Peanuts“: Mindestens fünf von tausend Kindern leiden unter einer Allergie gegen sie. Einige von ihnen sind von einem lebensbedrohlichen Kreislaufversagen, einem anaphylaktischen Schock, bedroht, sobald sie geringste Mengen davon zu sich nehmen. Das kann durchaus versehentlich passieren, denn vielen verarbeiteten Lebensmitteln sind geringste Mengen Erdnuss beigemischt. In einer Pilotstudie der Charité ist es nun erstmals gelungen, das Immunsystem von Kindern mit einer schweren Erdnussallergie diesem Nahrungsmittel gegenüber unempfindlicher zu machen.

Für die Studie unterzog das Team um Katharina Blümchen und Kirsten Beyer von der Klinik für Pädiatrie der Charité insgesamt 23 Heranwachsende im Alter zwischen drei und 14 Jahren einer Art Desensibilisierung, wie man sie in anderer Form zum Beispiel gegen Heuschnupfen einsetzt. In diesem Fall ging es allerdings darum, täglich kleinste Mengen von Erdnuss zu verspeisen, nicht gespritzt oder unter die Zunge gelegt zu bekommen. Die Kinder erhielten im Rahmen der oralen Immuntherapie über Monate hinweg eine sich langsam steigernde minimale Dosis des für sie gefährlichen Lebensmittels in gemörserter Form, auf Wunsch vermischt mit Apfelmus oder Eis. Gleichzeitig sollten die Eltern peinlich genau darauf achten, dass nicht weitere Spuren von Erdnuss auf den Speisezettel der Kinder gelangten. Ziel war es, am Ende fünfhundert Milligramm des Pulvers zu vertragen, also eine ganze Erdnuss.

Tatsächlich gelang das nach der schrittweisen Gewöhnung bei 14 der 23 Kinder. Das berichten die Forscher im Fachblatt „Journal of Allergy and Clinical Immunology“. Der Erfolg der Desensibilisierung zeigte sich auch in einer Veränderung der Immunreaktionen, wie sie bei den üblichen Tests gemessen werden. Um die frisch erworbene Toleranz ihres Immunsystems nicht wieder aufs Spiel zu setzen, nehmen die Kinder jetzt weiter täglich eine solche Menge zu sich. „Wenn Allergiker eine kleine Menge Erdnüsse tolerieren können, sind sie wesentlich besser vor einem allergischen Schock geschützt, der ihnen sonst bei versehentlichem Genuss droht“, kommentiert Kinderärztin Blümchen. Sie können dann zwar keineswegs Frühstücksbrote mit Erdnussbutter verschlingen. Doch es würde die Lebensqualität der betroffenen Familien schon deutlich erhöhen, wenn in Zukunft Schokolade oder Müsli auf dem Tisch stehen können, die laut Herstellerangaben „Spuren von Erdnüssen enthalten können“.

Insofern erstaunt es nicht, dass mit dem amerikanischen Food Allergy and Anaphylaxis Network eine große Selbsthilfeorganisation die Charité-Studie sponserte. Weltweit erforschen drei Arbeitsgruppen die Immuntherapie gegen Erdnussallergie. Möglicherweise steht nicht weniger als ein Paradigmenwechsel im Umgang mit Nahrungsmittelallergien bevor. „Es mehren sich die Daten, die zeigen, dass das strikte Meiden die falsche Strategie sein könnte“, sagt Blümchen.

Würden Menschen mit einer ausgeprägten Erdnussallergie eine solche Behandlung auf eigene Faust versuchen, dann gliche das allerdings einem Spiel mit dem Feuer. Die ersten zehn Milligramm des für sie gefährlichen Nahrungsmittels nahmen die Studienteilnehmer denn auch in der Allergologischen Ambulanz der Klinik zu sich. Und dort blieben sie noch ein paar Stunden, bis die Ärzte sicher waren, dass keine heftige allergische Reaktion drohte. Für jede Dosissteigerung kamen sie wieder in die Ambulanz, und während der täglichen Einnahme zu Hause musste immer jemand da sein, der sich in Erster Hilfe auskannte und wusste, was in einer Krisensituation zu tun ist. Und selbstverständlich musste ein Notfallset mit einer Adrenalinspritze im Haus sein – das ohnehin verfügbar sein sollte, wenn ein Kind mit schwerer Nahrungsmittelallergie im Haushalt lebt.

In einem Kommentar mahnen Mediziner um Wesley Burks von der Duke University im amerikanischen Durham allerdings zur Vorsicht. Noch sei die orale Immuntherapie nicht gut genug erforscht, um für den klinischen Alltag „gebrauchsfertig“ zu sein. Unklar sei vor allem, für wen sie infrage kommt und wie es weitergehen soll, wenn die angepeilte kritische Dosis von den Patienten vertragen wird.

In einer neuen Charité-Studie soll die Therapie jetzt erst einmal gegen Placebo getestet werden: Die Hälfte der Kinder bekommt Schokopudding pur, die andere mit einer winzigen Menge Erdnussmehl vermischt. So will man sichergehen, dass es nicht der aufwändige Ablauf und die gute ärztliche Betreuung sind, die das Immunsystem der kleinen Patienten milde stimmen. Adelheid Müller-Lissner

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