Namibia : 50 hungrige Schüler in einer Klasse

Loide Shaanika unterrichtet in einer namibischen Kleinstadt. Auf dem Weltlehrerkongress in Berlin sprach sie über die Probleme in ihrer Schule.

Tina Rohowski
Shaanik
Neugierig auf andere Lehrer: Loide Shaanika ist aus Afrika nach Berlin gekommen, um sich mit Lehrerkollegen auszutauschen. -Foto: Uwe Steinert

Schon am kommenden Montag um acht Uhr wird Loide Shaanika, Teilnehmerin des Weltlehrerkongresses in Berlin, wieder vor ihren Schülern stehen. Seit zehn Jahren unterrichtet die 33-Jährige an einer öffentlichen Schule in der Kleinstadt Tsandi im Norden Namibias. Shaanika lehrt, ebenso wie ihre vierzehn Kollegen in Tsandi, alle Fächer, die der Stundenplan für die fast fünfhundert Schüler der zehn Klassenstufen vorsieht: Mathematik, Naturwissenschaft, Sport, Religion, Kunst, Englisch sowie Oshivambo, die Muttersprache der meisten Kinder in der Region.

Zum Weltlehrerkongress gereist ist sie, um sich "mit anderen Lehrern über die drängendsten Probleme unserer Schulen auszutauschen", sagt Shaanika. Beispielsweise seien Klassen, gerade im ländlichen Raum, fast immer überfüllt: Fünfzig oder mehr Schüler säßen im Unterrichtsraum. Für die Lehrer sei es "unmöglich, jedem die nötige Aufmerksamkeit zu schenken". Außerdem fehlten zahlreiche Unterrichtsmaterialien. Es gebe an ihrer Schule keine Bibliothek, keine Laborräume, keinen Computer und keine Elektrizität, berichtet Shaanika. Die Lehrbücher bezahle der Staat, doch das Budget sei stets so knapp bemessen, dass sich sechs Schüler ein Buch teilen müssten – und deren Familien lebten meist mehrere Kilometer voneinander entfernt. "Wie soll ich so überhaupt Hausaufgaben verteilen?", fragt Shaanika.

Hunger und Müdigkeit im Unterricht

Besonders mit afrikanischen Lehrern habe sie ein weiteres Problem diskutiert: Außerhalb der Großstädte müssten viele Schüler ihren Eltern regelmäßig bei der Feldarbeit oder in der Viehzucht helfen. Zudem könne sie, sagt die Lehrerin, nicht in jedem Fall die Familien davon überzeugen, dass Schulbesuch und Hausarbeiten kein sinnloser Zeitaufwand seien, sondern der Bildung eine entscheidende Rolle für die Zukunft ihrer Kinder zukomme. Die Situation habe sich in den vergangenen Jahren kaum verbessert. Noch immer erschienen unzählige der Schüler müde und hungrig zum Unterricht – oder gar nicht. In ganz Namibia müssten etwa neunzig Prozent von ihnen im Laufe ihrer Schulzeit eine Klassenstufe oder sogar mehrere wiederholen. Von ihren Schülern, so Shaanika, schafften maximal zehn Prozent eines Jahrganges später den Sprung an die Universität. Das wirke sich wiederum negativ auf das Schulsystem aus: "Optimisten schätzen, dass wir den Lehrermangel in zwanzig Jahren beseitigen können."

Dennoch sei ihr in Berlin bewusst geworden, dass Pädagogen in anderen Ländern unter noch schwierigeren Bedingungen arbeiteten. Vor allem in einigen südamerikanischen und afrikanischen Staaten erfordere der Lehrerberuf "sehr viel mehr Mut", etwa weil dort die Gründung von Gewerkschaften, anders als in Namibia, verboten ist.

Loide Shaanika hat sich von ihren internationalen Kollegen in den vergangenen Tagen Tipps geholt, erzählt die Lehrerin. Zum Beispiel wie man private Spenden auftreibt, um selbst die Ausstattung der Schule zu verbessern. Ihren Schülern wird sie von der Reise nach Berlin berichten: Am Montag steht für sie ein Vortrag über den Lehrerkongress auf dem Stundenplan.

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