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Narkose : Verwirrtes Erwachen

21.09.2009 00:00 UhrVon Adelheid Müller-Lissner

Nach Operationen sind oft Bewusstsein und Denken gestört, vor allem bei Älteren. Manchmal helfen nur noch Psychopharmaka.

Die Vorstellung, für eine oder mehrere Stunden das Bewusstsein zu verlieren, ist nichts, woran sich Menschen leicht gewöhnen. Wenn eine größere Operation ansteht, am Herzen, im Bauchraum oder an den Hüftgelenken, dann plagt viele nicht zuletzt die Angst vor der Narkose. Doch inzwischen machen sich Ärzte und Psychologen zunehmend auch Gedanken über das Erwachen danach. „Verwirrt im Aufwachraum“, so lautete eines der Themen beim diesjährigen Hauptstadtkongress Anästhesie und Intensivmedizin, der vergangene Woche stattfand.

Direkt nach dem Eingriff leiden nach Angaben von Finn Radtke von der Klinik für Anästhesiologie der Charité zwischen 15 und 50 Prozent aller Operierten, die im Aufwachraum liegen, an Bewusstseinstrübungen.

Bei den Patienten, die auf eine Intensivstation verlegt werden, sind es deutlich mehr. Menschen, die an einem Delir erkranken, geraten vorübergehend „aus der Spur“ (lateinisch: „lira“, die Furche). Das kann dazu führen, dass sie desorientiert sind, an Kathetern und Verbänden ziehen, die Personen in ihrer Umgebung nicht erkennen oder auch deutlich verlangsamt reagieren. Vor allem wenn die Betroffenen sich selbst und andere gefährden oder wenn sie quälende Halluzinationen haben, muss gehandelt werden.

„Wer je einen Patienten gesehen hat, der vor dem Fenster Teufelsfratzen sieht, kann sich vorstellen, wie gefährdet er ist“, sagte der Charité-Psychiater Jürgen Gallinat. Psychopharmaka können helfen.

Doch das Problem besteht nicht nur akut: Auch bei der Entlassung aus dem Krankenhaus leiden noch 30 Prozent der Operierten unter 60 Jahren und 40 Prozent der Älteren unter kognitiven Störungen. Drei Monate später sind es noch fünf Prozent der Jüngeren und zwölf Prozent der Senioren. Für die Störungen von Denken und Gedächtnis nach einer Operation hat sich in der Fachwelt der Begriff „Postoperatives Kognitives Defizit“ (POCD) eingebürgert.

Wie schnell und wie gut Menschen nach einem chirurgischen Eingriff wieder zu sich kommen, das sollte nach Ansicht der Anästhesisten sehr ernst genommen werden. Denn Untersuchungen haben gezeigt: Bei Patienten, die nach dem Eingriff in ein Delir fallen oder kognitive Störungen bekommen, gibt es häufig weitere Komplikationen. Überdurchschnittlich viele von ihnen sterben kurz nach dem Eingriff.

Inzwischen mehren sich die Anzeichen dafür, dass auch ein Zusammenhang zwischen dem postoperativen Delir und einer späteren Demenz besteht. „Dass es einen solchen Übergang gibt, ist zwar noch nicht bewiesen, aber wahrscheinlich“, sagte der Charité-Psychiater Jürgen Gallinat auf dem Kongress. Zwar sei bei der Interpretation der Zusammenhänge Vorsicht geboten: denn es sind vor allem die Älteren, Kränkeren, die von einem Delir getroffen werden – und die zugleich, unabhängig von der Operation, auch stärker von Alzheimer oder einer anderen Form der Demenz bedroht sind. Doch Gallinat vermutet, dass hinter dem statistischen Zusammenhang mehr stecken könnte: „Das Delir an sich scheint irgendeine Art von krankhaftem Prozess in Gang zu bringen.“

Auch die Frage, wie es zu den Bewusstseinsstörungen selbst kommt, können die Forscher bisher kaum beantworten. Am Imperial College London haben Mario Cibelli und sein Team Mäuse in Narkose versetzt und anschließend in drei Gruppen geteilt: Die erste Gruppe wurde nicht operiert, die zweite bekam Narkose und Operation, die dritte dazu noch eine Substanz, die gegen Entzündungen wirkt. Die Narkose allein dämpfte dabei die kognitiven Fähigkeiten der Mäuse nur wenig. Das erhärtet nach Cibellis Ansicht den Verdacht, dass es vor allem die Operation ist, die dem Gehirn zusetzt. Der Forscher vermutet, dass dabei Entzündungsreaktionen eine tragende Rolle spielen. Denn die kognitiven Fähigkeiten der operierten Mäuse, die die entzündungshemmende Substanz bekommen hatten, waren erkennbar besser.

Während diese Zusammenhänge noch unbewiesen sind, haben Studien an Patienten bereits gezeigt, dass zwischen der Vollnarkose und der rückenmarksnahen Periduralanästhesie, bei der der Operierte bei Bewusstsein bleibt, kein Unterschied besteht. Was offensichtlich ein Delir oder eine POCD fördert, das ist dagegen neben dem Alter und den Vorerkrankungen die Dauer des Eingriffs und der Narkose. Aber auch Infektionen und kurz nach der ersten Operation notwendige Zweiteingriffe erhöhen das Risiko. „Auch das robusteste 80-jährige Gehirn ist dann überfordert“, sagte Psychiater Gallinat.

Manchmal helfen schon kleine, unscheinbare Maßnahmen, um die Gefahr zu verringern. Radtke mahnte auf dem Kongress seine Kollegen, die Patienten nicht zu lange nüchtern zu lassen und mit genügend Flüssigkeit zu versorgen. Auch die Wahl des Opiats, das während der Operation als Schmerzmittel gegeben wird, hat Einfluss, wie Charité-Anästhesistin Claudia Spies und ihre Arbeitsgruppe zeigen konnten.

„Gefährdeten Patienten sollte man am Vorabend der Operation außerdem nach Möglichkeit kein Schlafmittel geben“, sagte Radtke. Und ganz wichtig ist es, dass Menschen, die im Alltag eine Brille oder ein Hörgerät tragen, diese Hilfen nach dem Eingriff möglichst schnell wieder bekommen, um sich auch in der ungewohnten Umgebung des Krankenhauses optimal orientieren zu können.

Inzwischen gibt es eine Fülle von Tests, mit denen ein Delir oder eine POCD diagnostiziert werden können. „Oft muss man aber auch einfach nur hingucken“, berichtete Kristin Engelhard von der Uni Mainz. Die besten Chancen dafür haben Krankenschwestern und Pfleger, da sie die meiste Zeit bei den frisch Operierten verbringen. Aber auch ihnen könnte die „pflegeleichte“ Form des Delirs entgehen, die sich vor allem in Teilnahmslosigkeit ausdrückt. Doch nach einer Operation still im Bett zu liegen, ist langfristig gesehen nicht weniger gefährlich.

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