Nationale Akademie : Die Stimme der deutschen Forschung

Heute wird die Nationale Akademie gegründet. Doch Euphorie bricht in der Wissenschaft nicht aus.

Anja Kühne,Tilmann Warnecke
Leopoldina
Als Nationale Akademie soll die Leopoldina in Halle ihre Rolle in der Politikberatung ausbauen. -Foto: dpa

Fast 20 Jahre lang wurde in Deutschland über eine Nationale Akademie diskutiert. Doch sowohl die sieben deutschen Regionalakademien als auch die großen Wissenschaftsorganisationen wollten sich nicht von einer privilegierten „nationalen Stimme“ der deutschen Wissenschaft entmachten lassen. Dieser Widerstand ist nach langem Ringen überwunden. Am heutigen Montag wird der Leopoldina in Halle feierlich die Rolle einer Nationalen Akademie zugewiesen. Fortan an soll die 1652 gegründete naturwissenschaftlich geprägte Akademie die Politik in großen Zukunftsfragen beraten und die deutsche Wissenschaft in der Welt vertreten.

Die Erwartungen sind hoch. Sachsen-Anhalts Wissenschaftsminister Jan-Hendrik Olbertz will, dass die Leopoldina eine Adresse ist, „die die Welt kennt“. Vorbild sollen etwa die britische „Royal Society“ sowie deren amerikanisches und französisches Pendant sein. Auch zur Royal Society gehören gut 1300 „Fellows“, davon 95 Prozent Männer. Anders als die deutschen Akademien schiebt die Royal Society jedoch kaum eigene Forschungsprojekte an. Stattdessen vergibt sie jährlich 3500 gut dotierte Stipendien. Der Etat beträgt 54 Millionen Euro, ein Vielfaches dessen, was die Leopoldina künftig erwarten kann.

Bei der Politikberatung ist die Royal Society deutlich aktiver als die Leopoldina bislang. So hat die britische Akademie in diesem Jahr 15 nationale politische Stellungnahmen abgegeben. Mehrere behandelten die Themen Klimawandel und Energie, dazu kamen die Stammzellforschung und Pandemien. Die Royal Society äußerte sich auch zur britischen Innovationsstrategie und zur Forschungsevaluation. Die Leopoldina dagegen veröffentlichte dieses Jahr bisher nur eine nationale Empfehlung zum Thema Schutzimpfungen. 2007 äußerte sich die Leopoldina zweimal, zur Stammzellforschung sowie zur Rolle der Veterinärmedizin.

In den USA gibt es vier Akademien: Eine naturwissenschaftliche, eine medizinische und eine Technik-Akademie sowie ein „National Research Council“, der sich um die Forschungspolitik kümmert. Diese vier treten jedoch oft unter einem Dach als „National Academies“ zusammen auf. 2100 Mitglieder, darunter 200 Nobelpreisträger, sind insgesamt gewählt. Die französische „Académie des Sciences“ hat dagegen nur 150 ordentliche Mitglieder sowie 420 korrespondierende aus dem In- und Ausland.

Haben die Royal Society, die National Academies oder die Académie des Sciences tatsächlich die durchschlagende Wirkung, die ihnen in der hiesigen Diskussion zugeschrieben wird? Vor einigen Jahren befasste sich die „New York Times“ mit dem sinkenden Einfluss der National Academies. Die Ministerien würden viel mehr eigene Beratungsgremien einsetzen als früher. Diese gewachsene Ministerialbürokratie würde sich nur ungern von Außenstehenden etwas sagen lassen. Der Freiburger Historiker Ulrich Herbert sagt, in Frankreich und Großbritannien hätten „die nationalen Akademien nahezu keinen Einfluss auf die nationale Wissenschaft und Wissenschaftspolitik“.

In den USA wie in Großbritannien konkurrieren die Akademien zudem mit dem jeweiligen Wissenschaftsberater des US-Präsidenten und des Premierministers um Einfluss. Ein solcher „Chief Scientific Advisor“ – in Großbritannien wacht er über alle wissenschaftlichen Studien der Regierung – wurde auch für Deutschland schon gefordert.

Neben dem Scientific Advisor verschafft sich die britische Akademie, die Royal Society, nicht zuletzt deshalb öffentliche Aufmerksamkeit, weil sie einen illustren Präsidenten hat: den Astrophysiker Sir Martin Rees, der etwa in seiner Rolle als Hofastronom der Queen die publikumswirksame These aufstellte, die Menschheit habe bis zum Ende dieses Jahrhunderts nur eine Überlebenswahrscheinlichkeit von 50 Prozent.

Auf internationaler Ebene äußern sich die Akademien zu bestimmten Themen gemeinsam – wie aktuell beim G8-Gipfel in Japan zum Klimaschutz. An diesem Klimapapier hat die Leopoldina bereits mitgewirkt sowie – seit 2005 – an sechs weiteren Empfehlungen an die G8-Staaten. Eine ähnliche Stellungnahme zum Gipfel vor einem Jahr in Heiligendamm habe die Leopoldina sogar initiiert und die Präsidenten der Akademien der G8-Mitgliedsstaaten nach Halle eingeladen, sagt Jutta Schnitzer-Ungefug, die Generalsekretärin der Leopoldina. Auch in europäischen Akademievereinigungen vertritt die Leopoldina die deutsche Wissenschaft.

Der Konstanzer Philosoph Jürgen Mittelstraß wird zum Festakt nach Halle als Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaft reisen. Mittelstraß war Mitglied mehrerer Akademien, jahrelang war er auch Präsident der Academia Europea. Er hofft, dass die Nationale Akademie der Wissenschaft mehr Einfluss auf die Politik geben wird, warnt aber vor zu großen Versprechen. So werde die Akademie die deutsche Wissenschaft im Ausland nicht allein repräsentieren – dies werde sich etwa die angesehene Max-Planck-Gesellschaft nicht gefallen lassen. Und bei der Politikberatung müsse die Leopoldina darauf achten, sich „dem starken Begehren der Politik zu entziehen und ihre Unabhängigkeit zu bewahren“.

Auch sonst stößt die Nationale Akademie nicht überall auf Euphorie. „Man kann sich kaum etwas Unangenehmeres vorstellen als ein Zentralkomitee für die Entscheidung zwischen richtig und falsch“, hat der Historiker Ulrich Herbert erklärt. Umstrittene wissenschaftliche Probleme wie die Kernforschung ließen sich nicht lösen, indem man eine Akademie entscheiden lasse.

Außerdem leiden die deutschen Akademien – auch die Leopoldina – unter ihrem Image als Clubs der Geselligkeit für ältere gelehrte Herren. Peter-André Alt, Germanist an der Freien Universität, sieht in den Akademien eher „Einrichtungen der Repräsentation als der Innovation“, in denen „verdiente Helden der Wissenschaft“ – darunter fast keine Frauen – „Anerkennung für ihre Lebensleistung“ erfahren. Die Interdisziplinarität der Forschung werde in den Akademien durch die Einteilung der Wissenschaftler in „Klassen“ entlang der traditionellen Linien der Disziplinen behindert. Zwar schätzt Alt die Grundlagenforschung in den Langzeitprojekten der Akademien. An den Unis ließen sich diese aber genauso verwirklichen, wenn den Wissenschaftlern die gleichen Arbeitsbedingungen gewährt würden. Auch eine Nationale Akademie hält Alt für überflüssig: Es handle sich um ein „Symbol“, dessen große Synthesen in Form von Empfehlungen letztlich zu „Substanzverlusten“ beim Inhalt führen würden.

International spielen die Akademien bislang eine „ehrwürdige, aber eher unauffällige Rolle“, sagt Christian Bode, der als Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) viel in der Welt herumkommt, und fügt hinzu: „Mir fallen sie am ehesten durch Einladungen zur Jahresversammlung auf.“

Auch Wolfgang A. Herrmann, Präsident der TU München, sieht die Akademien – auch die Leopoldina – nicht als natürliche Autoritäten in der Politikberatung: „Die Akademien sind ehrenwert. Wirksam sind sie aber nicht.“ Herrmann ist selber Mitglied der Leopoldina und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz. An den Akademien vermisst er vor allem, dass sie sich in Debatten einmischen und zu großen Themen der Zeit Stellung nehmen. Herrmann hofft, dass sich das mit dem neuen Status der Leopoldina ändern wird. Deutschland brauche eine „geistige Instanz, die Wissenschaft, Gesellschaft und Politik zusammenbringt“. Die Nationale Akademie sei eine Herausforderung: „Ich gestehe, mein eigener Zeitaufwand für die Leopoldina ist bisher gering. Ich glaube aber, dass sich künftig ein Engagement lohnt.“

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