Nationale Akademie : Grenzenloser Rat

Die Leopoldina in Halle gehört seit Jahren zum Kreis der Akademien, die Empfehlungen aussprechen, die gehört werden. Jetzt ist sie auch offiziell Deutschlands Nationalakademie.

Uwe Schlicht
Leopoldina
Besiegelt. Ministerin Schavan, Leopoldina-Präsident ter Meulen und Bundespräsident Köhler -Foto: dpa

Der Dialog der Wissenschaft mit der Politik darf nicht vor nationalen Grenzen haltmachen, sagte Bundespräsident Horst Köhler anlässlich der Ernennung der Leopoldina der Naturforscher zur Nationalen Akademie. Zu dem Festakt in Halle waren am Montag nicht nur die deutschen Länderakademien gekommen, sondern auch Partnerakademien aus 40 Ländern der Welt. Köhler sprach die Hoffnung aus, dass die Akademien der Welt, die vor den G-8-Treffen Empfehlungen aussprechen, ihren Einsatz für Afrika fortsetzen und demnächst Exzellenzzentren für die Gesundheitsforschung eingerichtet werden. Die Leopoldina gehört seit Jahren zu diesem Kreis; jetzt ist sie auch offiziell Deutschlands Nationalakademie.

Bei dem Festakt in Anwesenheit des Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Böhmer, sowie von Bundesforschungsministerin Annette Schavan spielte Köhler auch auf die lange Vorgeschichte der Gründung an. Der Bundespräsident begrüßte es, dass „unser Land endlich eine Nationale Akademie der Wissenschaft bekommen hat“. Seit über 20 Jahren wird sie von führenden Politikern in Deutschland gefordert, aber die Gründung ist jeweils an den Eitelkeiten der sieben deutschen Länderakademien und an Bedenken der Großorganisationen der Forschung gescheitert. Politikberatung sei heute wichtiger denn je, sagte Köhler. Sie dürfe nicht als Tätigkeit von Lobbyisten verstanden werden. Auch nicht gefragt seien „fachchinesische Verlautbarungen aus dem Elfenbeinturm“.

Der Präsident der Leopoldina, Volker ter Meulen, kündigte an, dass sich die führenden Akademien der Welt im Rahmen der G-8-Gipfeltreffen für den Ausbau von Bildungseinrichtungen in Afrika einsetzen wollen. Herausragende Themen seien die Bildung im 21. Jahrhundert, die Veränderung des Klimas, die Gesundheit – und die Energieerzeugung.

„Wie viele Menschen kann die Erde ertragen?“, fragte ter Meulen. Die Kreisläufe von Wasser, Stickstoff und Phosphor würden von den Menschen mit noch nicht absehbaren Folgen verändert. Die 6,7 Milliarden Menschen würden bald an die Kapazitätsgrenzen unserer Erde stoßen. Noch beanspruche ihr Primärenergieverbrauch nur zwanzig Prozent der durch Photosynthese eingefangenen Energie. Lege man jedoch die Verbrauchswerte an Energie in Deutschland oder den USA als Berechnungsbasis zugrunde, dann komme man bereits auf 40 beziehungsweise 80 Prozent der jährlichen Photosyntheseleistung.

Der Präsident der französischen Akademie der Wissenschaften, Jules Hoffmann, empfahl der Leopoldina in seinem Festvortrag, keine Angst vor der Politikberatung zu haben. Wissenschaftliche Empfehlungen würden dann von den Politikern akzeptiert, wenn sie relevant seien und bei den Politikern die Bereitschaft vorhanden sei, diese Informationen aufzunehmen. Die Vertreter der Wissenschaft und die Entscheidungsträger sollten sich bereits in der Anfangsphase der Arbeit an einer Stellungnahme austauschen. Hoffmann wies auf die Bedeutung der 24 Nationalen Akademien in Europa hin, die über ihr Gemeinschaftsgremium Empfehlungen für die Europäische Union abgeben. Zurzeit ist Leopoldinapräsident Volker ter Meulen Vorsitzender dieses Rats.

Die Leopoldina wird bei der Beratung wichtiger Themen und der Einsetzung von Arbeitsgruppen besonders die Mithilfe der Acatech (Akademie der Ingenieurwissenschaftler) und der Berlin-Brandenburgischen Akademie in Anspruch nehmen. Den Namen Leopoldina verdankt die 1652 gegründete Akademie der im Jahre 1677 ausgesprochenen Anerkennung durch Kaiser Leopold I. Heute gehören der Leopoldina 1300 Wissenschaftler an, darunter 32 Nobelpreisträger. Die meisten Wissenschaftler kommen aus dem deutschsprachigen Raum. Uwe Schlicht

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