Naturgewalten : Vom Blitz getroffen

Sind Mobiltelefone „Lockvögel“ beim Gewitter? Wir erklären welche Gefahren drohen – und wie man sich schützt.

Verena Friederike Hasel
Blitz
Schaurig schön: Gewitter über Dresden. -Foto: Picture-alliance/ZB

Man hat dem Blitz seit jeher eine Menge nachgesagt. Zum Beispiel, dass Göttervater Zeus höchstselbst seine Fertigung bei den Zyklopen in Auftrag gab, um bei einem Wutanfall etwas zum Schleudern zu haben. In letzter Zeit mehren sich die Geschichten über Menschen, die vom Blitz getroffen wurden, weil sie angeblich elektronische Geräte wie ein Mobiltelefon benutzten.

Forscher berichteten in der Fachzeitschrift „British Medical Journal“ von einem 15-jährigen Mädchen, das am Handy war, als der Blitz sie erfasste. Und im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ wurde der Fall eines Joggers in Kanada, den der Blitz traf, darauf zurückgeführt, dass er Ipod hörte. Die vermutete Ursache: Normalerweise fließen Blitze aufgrund des hohen Hautwiderstands außen am Körper in den Erdboden hinab – ein Vorgang, der Übersprung genannt wird. Dieser Mann jedoch war aufgrund der Verbindung von Metall, Kabel und Schweiß ungewöhnlich leitfähig, und so drang der Blitz in seinen Körper ein. Im Falle des Mädchens soll das Metall ihres Telefons den Blitz angezogen haben.

Laut Mary Ann Cooper von der Universität von Chicago, die ein Forschungsprogramm zu Blitzverletzungen leitet, treffen derlei Kausalannahmen jedoch nicht zu. Kleine leitfähige Metallstücke, so die Medizinerin, würden erst zur Gefahr, wenn sie sich in der Höhe befänden – etwa an der Spitze eines aufgespannten Regenschirms oder am Kopf eines Golfschlägers, mit dem man gerade zum Schlag ausholt. Mit ihnen in der Hand erlangt man Blitzableiterqualitäten. Denn das Prinzip eines Blitzableiters besteht darin, den Blitz, der auf raschen Ladungsausgleich drängt, möglichst weit oben zu empfangen. Deshalb schlagen Blitze häufig in Bäume oder Türme ein. Ihre Nähe sollte man daher im Gewitter meiden. Ein Blitzeinschlag ist kein punktuelles Geschehen; vielmehr breitet sich rund um den Eintrittsort des Blitzes im Boden ein Spannungstrichter aus. Demzufolge finden sich bei einem Drittel der Blitzopfer keine Verbrennungen am Körper – ein Zeichen dafür, dass sie nicht direkt getroffen wurden, sondern der Blitz über Boden oder Baum übersprang.

Im Mai dieses Jahres wurde ein Mann in Gotha morgens auf dem Weg zur Arbeit über seinen aufgespannten Regenschirm vom Blitz erwischt. Ein- und Austrittsstellen habe man, so der behandelnde Arzt Dirk Walther von der Helios Klinik, genau erkennen können – zwei tiefe, klaffende Brandwunden. Ein anderes Blitzopfer, das Walther letztes Jahr versorgte, hatte Verbrennungen am Hals; dort war seine Kette durch die Hitzeeinwirkung geschmolzen. Beide Männer litten unter Herzrhythmusstörungen – das häufigste Symptom. Da das Herz über elektrische Impulse gesteuert wird, gerät es durch die Spannungszufuhr bei einem Blitzschlag leicht aus dem Takt. Schlimmstenfalls bleibt es stehen.

Walthers Patienten hatten Glück. Ihre Herzrhythmusstörungen verschwanden nach einigen Tagen. Auch traten bei ihnen keine neurologischen Beschwerden auf. Diese sind – da auch die Nervenzellen über elektrische Signale miteinander kommunizieren, die zweithäufigste Folge von Blitzschlägen. Mitunter können ganze Hirnareale lahmgelegt werden. So stellte Mary Ann Cooper bei manchen Blitzopfern Beeinträchtigungen des Kurzzeitgedächtnisses, Reizbarkeit und Konzentrationsschwäche bis hin zu Persönlichkeitsveränderungen fest. Letztere bringt das Team rund um Cooper mit Verletzungen des Frontallappens, dem vorderen Teil des Großhirns, in Verbindung, die der Blitz verursachte.

Tödlich geht nach Schätzungen Mary Ann Coopers nur jeder zehnte Blitzschlag aus; in Deutschland starben 2005 vier Personen auf diese Weise. Im 19. Jahrhundert waren es mit rund 300 Blitztoten pro Jahr noch entschieden mehr. Zwischen 1952 und 1962 zählte der Verband Deutscher Elektrotechniker dann lediglich 375 und zwischen 1982 bis 1992 sogar nur noch 77 Menschen, die durch einen Blitz starben.

Der Rückgang der Todesfälle hängt mit dem Wandel der Arbeitswelt zusammen. Früher waren Landwirte während ihres ganzen Arbeitstages in exponierter Lage draußen auf dem Feld, heute sitzen die meisten gut geschützt in ihrem Büro, wenn es gewittert. Was inzwischen vornehmlich draußen stattfindet, sind Freizeitaktivitäten. Zwei Drittel aller Blitzopfer sind gerade joggen, wandern oder golfen, wenn der Blitz sie erfasst.

Begleitet wird jeder Blitz vom Donner; er entsteht durch die Ausdehnung der auf 30 000 Grad erhitzten Luft. Zwar ertönt der Donner stets nach dem Blitz. Doch weist sein Grollen, auch wenn man den Blitz nicht sieht, darauf hin, dass ein Gewitter droht. Vielleicht leisten Mobiltelefon und Ipod einem Blitzschlag also doch Vorschub: Wer telefoniert oder Musik hört, während er draußen ist, vernimmt diese Warnung womöglich nicht.

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