Nervenleiden : Spiegel des Gehirns

Ein neues Verfahren ermöglicht es, Nervenleiden wie die Multiple Sklerose beim Blick ins Auge zu erkennen. Experten halten es für möglich, dass die Methode eines Tages von Augenärzten bei Routineuntersuchungen angewandt wird, um eine drohende MS früh zu erkennen.

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Von außen nach innen. Die Netzhaut des Auges kann wichtige medizinische Informationen liefern. Nicht nur bei Nervenleiden, sondern auch bei Krankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes ist sie in charakteristischer Weise verändert. Foto: picture-alliance/dpa
Von außen nach innen. Die Netzhaut des Auges kann wichtige medizinische Informationen liefern. Nicht nur bei Nervenleiden, sondern...Foto: picture alliance / ZB

Man könnte sie als Vorposten des Gehirns bezeichnen, als Kontaktstelle zwischen „außen“ und „innen“: Ohne die Netzhaut des menschlichen Auges hätten wir nämlich kein Bild von der Welt. Möglicherweise werden sich Mediziner anhand des Zustands der Netzhaut aber bald auch ein Bild vom Zustand des Gehirns ihrer Patienten machen können.

Mit modernen bildgebenden Techniken sind Augenärzte schon dem Grünen Star (Glaukom) und der Altersabhängigen Makuladegeneration (AMD) auf der Spur. Die AMD ist ein Netzhautleiden, von der die Stelle des schärfsten Sehens auf der Netzhaut betroffen ist. Eine Technik namens Optische Kohärenztomografie (OCT) macht es möglich, bei einer Augenuntersuchung die Nervenfaserschicht der Netzhaut in Schichtbildern so präzise darzustellen, dass auch eine geringfügige Verdünnung dieser Schicht im Bild sichtbar wird. Kurz, schmerzlos und berührungsfrei von außen. Laserstrahlen mit geeigneten Wellenlängen durchdringen dabei die Netzhaut und werden je nach Struktur der Gewebeschichten unterschiedlich reflektiert. Vereinfacht gesagt nutzt die Methode also das Licht zur Darstellung von Gewebe wie der Ultraschall den Schall.

Bisher ist das meist noch eine Individuelle Gesundheitsleistung („IGeL“), die der Patient selbst bezahlen muss. Doch nach Meinung von Frank Holz , Augenarzt an der Universität Bonn, ist die OCT ein Meilenstein seines Fachs, „eine Revolution in der Bildgebung, vergleichbar der Erfindung des Augenspiegels durch Hermann von Helmholtz im Jahr 1851“. Auf dem 109. Kongress der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG), der von heute an bis zum 2. Oktober im Berliner Hotel Estrel stattfindet, wird auch die neue Methode ein Thema sein. Und es wird über Krankheiten gesprochen werden, mit denen sich Augenärzte bisher nicht beschäftigt haben.

Zum Beispiel Multiple Sklerose, MS. Bei der MS zerstört das körpereigene Immunsystem nicht allein die schützenden Hüllen der Nervenfasern. Bei vielen Verlaufsformen nimmt auch deren Substanz selbst ab, wie man inzwischen weiß. Auch die Nervenfasern der Netzhaut sind betroffen. „Studien an MS-Patienten belegen, dass sich mit der OCT selbst minimale Verdünnungen der Nervenfasern in der Netzhaut präzise messen lassen“, sagte Holz vor dem Kongress. Sie lassen sich zudem von den Schäden unterscheiden, die eine Entzündung des Sehnervs – ein weiteres häufiges Anzeichen für MS – auf der Netzhaut zurücklässt.

Bisher wird nach Veränderungen des Nervengewebes bei der MS mit der Magnetresonanz-Tomographie (MRT) gefahndet. Eine erste Studie zu OCT und MS kam vor einigen Jahren von der Universität Texas, wo Elliot Frohman und seine Arbeitsgruppe das Schicksal von 299 MS-Patienten bis zu viereinhalb Jahre lang mit regelmäßigen OCT-Untersuchungen verfolgten. Frohman hält es für möglich, dass die Methode eines Tages von Augenärzten bei Routineuntersuchungen angewandt wird, um eine drohende MS früh zu erkennen.

Noch ist aber längst nicht klar, ob die kurze Untersuchung beim Augenarzt aussagekräftig genug ist, um aus dem Heer der Gesunden die wenigen herauszufischen, die von einer unbemerkt beginnenden MS bedroht sind. Die OCT spüre zwar sehr genau Veränderungen auf, doch man könne sie noch zu schlecht von denen unterscheiden, die bei anderen Erkrankungen des Auges oder des Nervensystems auftreten, sagt der MS-Spezialist Friedemann Paul vom Forschungszentrum NeuroCure an der Berliner Universitätsklinik Charité. Zwar sei die Methode sehr empfindlich, doch löse sie auch öfter falschen Alarm aus.

Anders könnte es schon bald mit Patienten aussehen, bei denen bereits eine MS diagnostiziert wurde und die zum Schutz vor erneuten Schüben und einem Voranschreiten der Erkrankung Medikamente bekommen. „Es mehren sich die überzeugenden Daten dafür, dass die Augenuntersuchung Rückschlüsse auf den Erfolg der Therapie ermöglicht“, sagt Holz. Ob die Untersuchung des Augenhintergrunds mit OCT hier den Hirnscanner MRT wirklich ersetzen oder sinnvoll ergänzen kann, wird derzeit in Studien geprüft. Handfeste Ergebnisse stellt der Neurologe Paul jedoch erst für die nächsten Jahre in Aussicht.

Vor wenigen Wochen hat zudem an der Charité eine Studie mit Parkinson-Patienten begonnen, denn auch hier zeigen sich bestimmte krankhafte Veränderungen an der Netzhaut. Ob sie sich dazu eignen, den Krankheitsverlauf vorherzusagen und Therapieentscheidungen zu stützen, muss sich aber erst erweisen. Ebenfalls noch Zukunftsmusik ist der Einsatz von OCT zur frühen Entdeckung von Alzheimer. Im Forschungsverbund Minde (für: Molecular Diagnosis of Neurodegenerative Disease in the Eye) haben sich Wissenschaftler verschiedener deutscher Universitäten und Unternehmen dafür zusammengeschlossen.

Neben geistigen Leitungstests werden bei der Erkennung von Alzheimer heute radiologische Verfahren wie Magnetresonanz-Tomographie und Computertomographie eingesetzt. Auch in diesem Fall könnte OCT mit weniger Aufwand eine frühere Diagnose der Krankheit erlauben. Eiweißablagerungen namens BetaAmyloid-Plaques, die sich bei Alzheimer im Gehirn finden, lagern sich auch in der Linse und der Netzhaut des Auges ab. Die Veränderungen von außen aufzuspüren, klingt bestechend. „Die Forschung ist allerdings noch in einem frühen Stadium“, sagt Holz. Für die Behandlung gilt das leider noch weit mehr.

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