Nervige Handygespräche : Das Gehirn muss die fehlende Hälfte dazudichten

Psychologinnen haben ermittelt, warum zwangsweise mitgehörte Telefonate so nerven. Das Gehirn versucht, das Gespräch zu verfolgen. Das ist umso schwerer, da nur eine Stimme zu hören ist.

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Lästige Laberei. Telefongeplauder in unmittelbarer Nähe kann ziemlich anstrengend sein.
Lästige Laberei. Telefongeplauder in unmittelbarer Nähe kann ziemlich anstrengend sein.Foto: picture alliance / dpa

Man sitzt im Zug, in einem Büro oder in einem Restaurant. In unmittelbarer Nähe spricht ein Fremder so laut in sein Handy, dass man jedes Wort mithören kann. Es gibt kaum jemanden, den das nicht früher oder später nervt. Warum das so ist, haben die amerikanische Psychologin Veronica Galván und ihre Kolleginnen von der University of San Diego ergründet.

Dazu starteten sie ein Experiment mit 149 Studenten. Den Probanden wurde erklärt, es ginge darum, Aufgaben zur Überprüfung des Leseverständnisses zu lösen. Sie sollten Rechtschreibfehler einer Reihe von Wörtern korrigieren, bei denen Buchstaben vertauscht waren. Als sich die Testpersonen an die Arbeit machten, wurden sie gestört. Die Hälfte von ihnen hörte aus dem Hintergrund ein Gespräch, das jemand, der sich offenbar zufällig im selben Raum aufhielt, mit dem Handy führte. Die andere Hälfte konnte eine Unterhaltung zwischen zwei Leuten mithören, die ebenfalls den Anschein erweckten, dass ihr Gespräch mit dem Experiment nichts zu tun hätte. Sowohl die Telefonate als auch die Gespräche von Angesicht zu Angesicht drehten sich ausschließlich um banale Themen wie einen Möbelkauf oder eine Verabredung in einem Einkaufszentrum.

Das Ergebnis, von dem Galván und ihr Team im Fachjournal „Plos One“ berichten, ist eindeutig. Beide Gruppen kamen mit der Testaufgabe gleich gut zurecht. Doch die Versuchspersonen, die ein Handytelefonat über sich ergehen lassen mussten, fühlten sich davon viel stärker gestört als die Teilnehmer der Vergleichsgruppe. Die Handygeplagten konnten sich an den Gesprächsinhalt wesentlich besser erinnern und empfanden es als erheblich lauter, obwohl die fingierten Gespräche mit oder ohne Telefon in Wortlaut und Lautstärke einander glichen.

„Das ist die erste Studie, die anhand eines realistischen Szenarios zeigt, dass unfreiwillig mitgehörte Handygespräche ein besonders störendes und einprägsames Ereignis sind“, sagt Galván. Warum das ungewollte Belauschen von Handygesprächen oft als nervtötend empfunden wird, könnte nach Ansicht der Psychologinnen eine simple Ursache haben: Wenn man mithören kann, was jemand in ein Telefon spricht, läuft die Hälfte des Gesprächs im Verborgenen ab, weil die Stimme am anderen Ende der Leitung nicht zu hören ist. In dieser Situation arbeitet das Gehirn des Lauschers auf Hochtouren. Es versucht zu erschließen, was die Person, deren Stimme zu hören ist, mit ihren Worten meint und was ihr Gegenüber wahrscheinlich jeweils erwidert hat und als Nächstes sagen wird.

„Nicht zu wissen, in welche Richtung das Handygeplauder läuft und was wohl als Nächstes gesagt werden wird, macht das Zuhören besonders anstrengend“, sagt Galván. Und das nervt. Frank Ufen

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