Wissen : Neue Brustkrebs-Gene

Forscher finden vier verdächtige Erbanlagen

Hartmut Wewetzer

Ein Forscherteam unter Leitung von Douglas Easton von der britischen Universität Cambridge hat vier neue Brustkrebs-Gene gefunden. Die Wissenschaftler berichten über ihre Entdeckung in der Online-Ausgabe des Fachblatts „Nature“. Es handelt sich um Varianten bestimmter Erbanlagen, die das angeborene Risiko für Brustkrebs etwas erhöhen.

Bis zu zehn Prozent aller Brustkrebsfälle haben ihre Ursache in einer vererbten genetischen Veranlagung. Mit den bisher bekannten Genen kann man nur ein Viertel dieser Fälle erklären. Die jetzt gefundenen Erbanlagen sind vermutlich für weitere vier Prozent ursächlich.

Zwei der verdächtigen genetischen Spielarten sind dabei in der Bevölkerung vergleichsweise weit verbreitet. Eine von sechs Frauen ist Trägerin von zwei defekten (mutierten) Kopien des Gens FGFR2, eine von 16 hat zwei mutierte Kopien des Gens TNRC9. Weil diese Erbanlagen das Risiko allerdings nur geringfügig erhöhen, wirken sie sich insgesamt nicht sehr stark aus. Das Risiko einer Frau, irgendwann in ihrem Leben an Brustkrebs zu erkranken, steigt mit zwei defekten Kopien eines dieser beiden Gene von eins zu elf (gesunde Frauen) auf eins zu sechs oder sieben.

Genau umgekehrt sieht es bei den bereits bekannten Brustkrebs-Genen BRCA1 und BRCA2 aus. Sie sind insgesamt selten. Wenn man aber Trägerin des Gens ist, steigt das Brustkrebsrisiko dramatisch. Von 100 Frauen, die eine defekte Kopie eines dieser beiden Gene haben, erkranken 50 bis 85 im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs.

Zeitgleich mit dem Team von Douglas Easton haben zwei weitere Forschergruppen ihre Ergebnisse im Fachblatt „Nature Genetics“ veröffentlicht. Sie bestätigen die Resultate. Insgesamt wurden sechs verdächtige Regionen im Erbgut gefunden, von denen vier mit einem Gen in Verbindung gebracht werden konnten.

Die Wissenschaftler sind optimistisch, mit ihrer Suchmethode namens „genomweite Assoziations-Studie“ weitere Erbanlagen für Brustkrebs zu finden. In den letzten Monaten gab es eine wahre Flut von Veröffentlichungen, die auf dem Verfahren beruhen. Es wurden verdächtige Gene gefunden, die das Risiko für Prostata-Krebs, Makuladegeneration (ein Augenleiden), Morbus Crohn (eine chronische Darmentzündung), Alterszucker und Herzattacken erhöhen.

Die Methode baut auf der Entzifferung des menschlichen Erbguts auf. Das Genom unterscheidet sich von Mensch zu Mensch geringfügig. Heute ist es möglich, Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der genetischen Ausstattung mit Hilfe von „Gen-Chips“ festzustellen. Sie registrieren Abweichungen in Form von einzelnen „Buchstaben“ (biochemisch: Nukleotide) der Erbinformation.

Vergleicht man große Gruppen erkrankter und gesunder Personen, kann man Abschnitte auf dem Erbgut herausfiltern, in denen sich Gesunde und Kranke unterscheiden. Diese Abschnitte können dann Erbanlagen zugeordnet werden. Weil ein Gen in den meisten Fällen die Bauanleitung für ein Eiweiß (Protein) enthält, kann diese Erkenntnis helfen, die Krankheit und ihre Entstehung besser zu verstehen oder sogar ein Medikament zu entwickeln. Davon ist man bei den Brustkrebsgenen allerdings noch weit entfernt – vorläufig. Hartmut Wewetzer

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