Neue Funde in Marokko : Die Menschheit ist hunderttausend Jahre älter als gedacht

Neue Analysen von Funden nördlich der Sahara belegen: Moderne Menschen lebten mindestens hunderttausend Jahre früher als bislang angenommen.

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Kopfzerbrechen. Der Fund 300 000 Jahre alter Menschenknochen in Marokko gibt Anthropologen Rätsel auf.
Kopfzerbrechen. Der Fund 300 000 Jahre alter Menschenknochen in Marokko gibt Anthropologen Rätsel auf.Foto: Philipp Gunz, MPI EVA

Sie müssen gute Beute gemacht und etliche Gazellen in ihre Höhle geschleppt haben – jene Steinzeitjäger, auf deren Überreste Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (EVA) in Leipzig jetzt, rund 300 000 Jahre später im heutigen Marokko, gestoßen ist. Den Lehrbüchern nach dürfte es diese Menschen dort und vor allem zu dieser Zeit aber noch gar nicht gegeben haben. Denn wie kann Homo sapiens schon nördlich der Sahara gewesen sein, wenn der moderne Mensch erst vor rund 200 000 Jahren in den Savannen im Osten Afrikas entstanden sein soll? „Die Lehrbücher müssen umgeschrieben werden“, sind Hublin und sein Kollege Abdelouahed Ben-Ncer vom Nationalen Archäologischen Institut Marokkos in Rabat überzeugt. Im Fachblatt „Nature“ berichten die Anthropologen, wie die Überreste dieser Steinzeitjäger und ihrer Werkzeuge die Entwicklungsgeschichte des modernen Menschen umschreiben.

Zahn eines Kindes 100 000 Jahre älter

Bislang galten als älteste Spuren des Homo sapiens 195 000 und 160 000 Jahre alte Überreste im Boden Äthiopiens. Die damals schon existierende Sahara und die Wüste auf der Arabischen Halbinsel hielten Forscher für eine unüberwindbare Barriere für die Steinzeitjäger. Denn der Indizienlage nach erreichten sie erst einige zehntausend Jahre später Nordafrika und Asien. In Europa tauchen Knochen von Homo sapiens erst vor 45 000 Jahren auf. Frühere Relikte stammen von Neandertalern, die schon einige hunderttausend Jahre zuvor Afrika verlassen hatten.

Diese Indizienkette bringt der Fund am Hügel Djebel Irhoud, rund 55 Kilometer südöstlich der marokkanischen Küstenstadt Safi, nun durcheinander. Entdeckt hatte man das Lager von Steinzeitjägern schon 1960 beim Abbau von Schwerspat. Lange vermutete man, die spärlichen Knochenreste stammten von Neandertalern, die von der Iberischen Halbinsel über die Straße von Gibraltar den Nordwesten Afrikas erreicht hatten.

Die Fundstätte der 300000 Jahre alten Überreste von Homo sapiens am Djebel Irhoud in Marokko, etwa 55 Kilometer südöstlich der Küstenstadt Safi.
Die Fundstätte der 300000 Jahre alten Überreste von Homo sapiens am Djebel Irhoud in Marokko, etwa 55 Kilometer südöstlich der...Foto: Shannon McPherron, MPI EVA

Allerdings erwies sich die Altersbestimmung der Funde als schwierig. Eine erste Vermutung schätzte die Lagerstätte auf gerade einmal 40 000 Jahre. Erst 2007 zeigte eine „Elektronen-Spin-Resonanz-Analyse“ eines Zahns aus dem Unterkiefer eines Kindes, dass Jean-Jacques Hublin und seinen Kollegen es mit Menschen zu tun hatten, die womöglich vor mindestens 160 000 Jahren gelebt hatten. „Allerdings beeinflusst die natürliche radioaktive Strahlung aus dem Gestein unmittelbar neben dem Fund diese ESR-Analyse stark“, erklärt der Max-Planck-Forscher. Weil eine solche detaillierte Strahlungsmessung damals fehlte, gab es an diesem Ergebnis durchaus berechtigte Zweifel.

Also bestimmte Daniel Richter, Experte für solche Altersbestimmungen am EVA, in etlichen extra dafür gebohrten Löchern mit winzigen Dosimeter-Geräten ein Jahr lang diese Umweltstrahlung. Mit diesen Daten und erheblich verfeinerten Methoden überprüfte Rainer Grün von der Nationaluniversität Australiens in Canberra die Altersbestimmung erneut und erhielt ein viel zuverlässigeres, gleichzeitig aber auch sehr verblüffendes Ergebnis: Der Zahn ist um die 300 000 Jahre alt.

Schädel mit fein geschnittenen Gesichtern

Außerdem hatte Daniel Richter etliche Schaber, Klingen und andere Kleinwerkzeuge aus Feuerstein mit einer Thermolumineszenz genannten Methode untersucht. Damit können Forscher zum Beispiel analysieren, wann ein Tongefäß gebrannt wurde. „In ihrer Höhle brannten die Steinzeitjäger damals offensichtlich sehr häufig Feuer“, sagt Jean-Jacques Hublin. Dabei wurden in der Nähe liegende Feuersteine ähnlich wie Ton beim Brennen kräftig erhitzt. Kennen die Forscher dann noch die Umweltstrahlung, können sie mit der Thermolumineszenz-Methode recht genau bestimmen, wann ein Feuer die Steinwerkzeuge zum letzten Mal erhitzt hat – vor mindestens 300 000 Jahren, ergab die Messung.

Laut gängiger Theorie der Menschheitsgeschichte müssten die Steinzeitmenschen vom Djebel Irhoud also Neandertaler oder deren Vorfahren gewesen sein, da sich Homo sapiens erst hunderttausend Jahre später im Osten Afrikas entwickelte. Doch diese Neandertaler-Theorie widerlegen zehn zusätzliche Fossilien, die Hublins Forscherteam in neuen Ausgrabungen am Fundort entdeckte hatte. „Insgesamt haben wir jetzt drei Schädel, zwei Gesichtsknochen, Zähne, Oberschenkel, Wirbel und andere Knochen von mindestens drei Erwachsenen, einem Heranwachsenden und einem achtjährigen Kind“, zählt Hublin auf. Philipp Gunz, am EVA Spezialist für Gesichter und Schädel von Neandertalern und modernen Menschen, untersuchte die Artefakte und ist sich absolut sicher: Die Gesichter der Steinzeitjäger sind ähnlich fein geschnitten wie von Menschen, die heute mit der U-Bahn zur Arbeit fahren. Neandertaler hatten dagegen kantigere Gesichter, auch ihre Zähne sahen anders aus. „Am Djebel Irhoud jagten keine Neandertaler, sondern moderne Menschen“, sagt auch Hublin.

Gazellen, Zebras und Gnus in der Sahara

„Diesen Ergebnissen nach muss die Wiege unserer Art viel früher als bisher vermutet vor mehr als 300 000 Jahren in der Savanne gestanden haben“, sagt Ottmar Kullmer vom Senckenberg-Forschungsinstitut in Frankfurt, Spezialist für die Morphologie früher Menschen.

Erklären könnten das Klimadaten, nach denen es vor rund 120 000 Jahren und vor mehr als 300 000 Jahren im Gebiet der heutigen Sahara viel feuchter als derzeit war. „Damals war die Sahara eine Savanne auf der ähnlich wie heute in Kenia Akazien wuchsen und große Herden von Gazellen, Zebras und Gnus grasten“, sagt Hublin. Eine Landschaft also, an die der moderne Menschen angepasst war, in der er jagen und die er durchwandern konnte – bis in den Nordwesten Afrikas nach Marokko. Die Lehrbücher zur Menschheitsgeschichte brauchen ein Update.

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