Neue Grippe : Schwein gehabt

Das neue Grippevirus war nicht so gefährlich wie befürchtet, der Staat nicht so gut vorbereitet wie gehofft. Vier Lehren aus der Beinah-Katastrophe.

 Kai Kupferschmidt
Virus
Kleines Virus, große Aufregung. Über Monate beherrschte das Schweinegrippevirus die öffentliche Diskussion in Deutschland. -Foto: GSK

Milliarden Kranke und Millionen Tote, das war das Schreckensszenario, das die Schweinegrippe aufblitzen ließ. Bis zu 35 000 Tote in Deutschland befürchtete ein Professor noch im Oktober. Fünf Monate später steht die Zahl der Toten bei 243. Alles halb so schlimm?

Ja und Nein. Ja, weil das Virus tatsächlich weniger gefährlicher war, als von vielen befürchtet. „Der Verlauf war deutlich milder und die Zahl der Erkrankungen deutlich niedriger, als wir erwartet hatten“, sagt Hans-Dieter Klenk, Grippe-Experte an der Universität Marburg. Die ersten Zahlen aus Mexiko ließen Schlimmeres vermuten, weil dort vor allem die heftigen Fälle auffielen.

Nein, weil eine Krankheit, die weltweit 18 000 Todesopfer fordert, eben nicht harmlos ist. Zudem befiel das neue Virus im Gegensatz zur saisonalen Grippe jüngere Menschen. Außerdem gab es viele ungewöhnlich schwere Erkrankungen. „Unsere Plätze für künstliche Beatmung waren über Wochen belegt, und das sah in Hannover oder Bonn genauso aus“, sagt Georg Peters, Virologe am Universitätsklinikum Münster. „Ich kann mich aus den letzten Jahren an keinen einzigen solchen Fall bei der saisonalen Grippe erinnern.“

Zudem taugt die Zahl, die meist zum Vergleich herangezogen wird, nur bedingt: Es ist zwar richtig, dass das Robert Koch-Institut (RKI) mit bis zu 15 000 Toten durch eine „normale“ saisonale Grippe rechnet. Aber: Diese Zahl ist eine Schätzung auf Grund der erhöhten Sterblichkeit während der Influenzawelle. Nicht für alle diese Todesfälle ist aber das Virus die Ursache. Erst im Sommer, wenn die Daten des Statistischen Bundesamtes vorliegen, lässt sich die entsprechende Zahl auch für den vergangenen Winter berechnen und vergleichen. Zudem schwankt diese „Übersterblichkeit“ von Jahr zu Jahr beträchtlich. So schätzt das RKI für die Saison 2004/05 12 000 bis 16 000 Tote für 2000/01 aber nur 0 bis 81.

Trotzdem: Die Welt ist mit einem blauen Auge davon gekommen. Anlass, einige Lehren zu ziehen.

Für den Ernstfall hätte es nicht gereicht

„Wenn auch nur ein Teil der vorhergesagten Gefahren eingetreten wäre, hätten wir wohl tatsächlich eine Katastrophe erlebt.“ Das hat Gerd Antes, Direktor des Cochrane-Zentrums an der Universität Freiburg und Mitglied der Ständigen Impfkommission am RKI, in einem Brief an die niedersächsische Gesundheitsministerin Mechthild Ross-Luttmann geschrieben, zurzeit Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz. In dem Brief, der dem Tagesspiegel vorliegt, fordert Antes, das Geschehen der letzten Monate aufzuarbeiten.

Tatsächlich war der Impfstoff zwar schnell fertig, aber für den Ernstfall eben nicht schnell genug: Schon im Juni starb in Schottland die erste Europäerin an der Schweinegrippe, im September die erste Deutsche. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits tausende erkrankt. Mit der Impfung wurde in Berlin aber erst am 9. November begonnen und sie hätte sich über Monate hingezogen, weil der Impfstoff nur langsam verfügbar wurde.

„Wir müssen jetzt darüber diskutieren, ob es überhaupt möglich ist, Produktionsstraßen aufzubauen, die im Ernstfall rechtzeitig einen Impfstoff liefern, und ob man dafür auch bereit ist, Milliarden zu investieren“, sagt Antes. „Ganz klar: Wenn es ein schlimmeres Virus gewesen wäre, wäre der Impfstoff Wochen zu spät gekommen“, sagt auch Peters, Mitglied in der Pandemiekommission des Bundes.

Sicher: Manche Probleme hätten sich im Ernstfall wohl von selbst gelöst, wie etwa der Berliner Streit um die Vergütung der Impfärzte oder das verhaltene Echo auf die Impfaktion. Andere aber, wie Logistik und Verteilung, hätten schnell zum Albtraum werden können. Antes fordert deswegen eine offene Diskussion darüber, wie der Staat in so einem Fall reagieren sollte. Zu den Möglichkeiten gehöre es ausdrücklich auch, den Notstand auszurufen.

Eine ähnliche Regelung ist für die Pocken vorgesehen. Ein Auftreten dieser eigentlich ausgerotteten Erreger – vermutlich ein Fall von Bioterrorismus – wäre Grund genug für die Regierung, den Verteidigungsfall auszurufen. Die Verantwortung für Maßnahmen wie eine Impfung würde dann zentral beim Bund liegen. Sollte das auch für eine schwere Grippepandemie gelten? „Wir sollten das zumindest diskutieren und zu einer bewussten Entscheidung kommen“, sagt Antes. „Die Länder könnten ja auch für eine bestimmte Zeit in einer bestimmten Situation ihre Zuständigkeit an einen zentralen Ausschuss oder etwas Ähnliches abgeben“, fordert Peters. Damit steht er nicht alleine da. Auch Klenk ist überzeugt: „Es wäre in einer solchen Situation sicher besser, wenn alles zentral gehandhabt würde.“

Wir wissen zu wenig über das Grippevirus

Obwohl das Grippevirus seit Jahrzehnten genau untersucht wird, ist es immer noch für Überraschungen gut. So rechneten die meisten Experten damit, dass ein neues Virus eher aus Asien stammen würde, allgemein als Brutstätte neuer Influenzaviren angesehen – und fürchteten eher das Vogelgrippevirus als einen neuen Erreger aus dem Schwein.

Aber auch das Genom des Virus, mit etwa 13 000 Buchstaben gerade einmal ein Zwanzigtausendstel des menschlichen Erbguts, bleibt ein Rätsel. Schon im Mai hatten kanadische Forscher das Erbgut komplett entschlüsselt. Daraus auf die Gefährlichkeit des Virus zu schließen ist dennoch kaum gelungen. „Anhand des Erbgutes einzuschätzen, ob und zu wie schweren Erkrankungen es kommt, ist ungeheuer schwierig. Diese Forschung steht noch ganz am Anfang“, sagt Walter Haas, Leiter der Fachgebiets für Atemwegserkrankungen am RKI.

Über das Verhalten des Virus in der menschlichen Bevölkerung wissen Forscher noch weniger. So kritisiert Gerd Antes, dass der Staat zwar bereit sei, Millionen für einen Impfstoff auszugeben, aber andererseits kaum Geld vorhanden sei, um die Ausbreitung des Virus zu verfolgen. Das führe „zwangsläufig zu hoch spekulativen Aussagen über weitere Wellen“ und „völliger Unkenntnis, wie viele Deutsche bisher an der Schweinegrippe erkrankt sind“.

Allerdings: Selbst mit allen Informationen über die Gefährlichkeit eines neuen Virus und seine Ausbreitung in der Bevölkerung ist es nicht getan. Denn Viren sind Meister der Veränderung. Auch ein eher harmlos scheinendes Virus kann durch einen kleinen Austausch im Erbgut zum Killer werden. Vorherzusagen, ob das passiert, ist unmöglich. Ein Rest Unsicherheit bleibt also immer.



Mut zur Unsicherheit

„Das größte Manko bei der ganzen Geschichte war die Kommunikation. Das war ein absolutes Desaster“, sagt Antes. In seinem Brief an die Gesundheitsministerkonferenz schreibt er, die Behandlung von H1N1 sei „ein intellektuelles, strategisches und logistisches Chaos, wie es wohl in den letzten Jahrzehnten im deutschen Gesundheitssystem kein Vergleichbares gegeben hat.“ Millionen Menschen seien monatelang verunsichert worden. Dabei ist weitgehend unstrittig, dass es richtig war, den Impfstoff zu bestellen. Man hätte aber klarmachen müssen, wie unsicher die Entwicklung der Grippe sei, sagen Antes und andere.

Antes’ Hauptkritikpunkt: Dinge wurden als sicher dargestellt, die es nicht waren. „Die Kommunikation des Unwissens hat nicht stattgefunden“, sagt Antes. So hätte man über die Impfstoffe nicht sagen sollen, sie seien sicher, sondern sie seien unbedenklich. „Mehr konnte man nach den Tests, die zur Verfügung standen, nicht sagen.“ Das gelte natürlich für jedes Medikament und jeden Impfstoff. „Aber das muss man eben auch so sagen.“

„Man hat die offenen Fragen verschwiegen und mit Horrorszenarien versucht, die Bevölkerung zur Impfung zu kriegen“, schimpft Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. Ludwig hatte in Bezug auf die Impfstoffe von einem „Großversuch an der deutschen Bevölkerung“ gesprochen. Diese „etwas polemische Formulierung“ würde er jetzt nicht mehr wählen, sagt Ludwig. Es habe aber auch stets ein zweiter Satz dazugehört: „Jedes neue Medikament ist so ein Großversuch, weil Sie nicht ausschließen können, dass es seltene Nebenwirkungen gibt.“ Heute könne man aber sagen, dass der Impfstoff sicher sei. Auch das ist eine wichtige Lehre, denn das Virus dürfte in den nächsten Jahren noch häufig auftauchen.

Mut zur Wahrheit

Wer will, dass die Menschen ihm vertrauen, der muss auch transparent sein. Das haben inzwischen sogar die Pharmafirmen begriffen – und bemühen sich entsprechend. Ausgerechnet Bundesbehörden und Landesregierungen hinken hinterher: Die Verträge mit den Impfstoffherstellern? Geheim. Der Preis für den Impfstoff? Geheim. Auch frühe Anfragen des Tagesspiegels über den Impfstoff der Bundeswehr wurden mit einem Verweis auf Geheimhaltungspflicht abgelehnt. Die deutsche Demokratie mag eine gläserne Kuppel haben, aber im Alltag trifft man vor allem auf Milchglas und Verschwiegenheitsklauseln.

In dieser Stimmung schien vielen Menschen jede noch so hanebüchene Hypothese plausibel – und Verschwörungstheoretiker beeilten sich, den Appetit für absurde Außenseitermeinungen zu stillen. Gerade die Behauptung, es handele sich um eine Verschwörung der Pharmaindustrie, erhielt prominenten Zuspruch. „Dabei ist es sogar umgekehrt“, sagt Klenk. „Die Industrie hatte an der Impfstoffproduktion eigentlich kein Interesse mehr, weil es ökonomisch nicht so interessant war. Die Gesundheitspolitik und vor allem die Wissenschaft haben die Pharmaindustrie mühsam dazu gebracht, sich wieder auf dem Gebiet zu engagieren.“

Und auch für eine Verschwörung bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es keine Anzeichen. So war die Schwere der Krankheit nie Teil der Pandemiedefinition und konnte daher auch nicht, wie manche behaupten, vor der Schweinegrippe wieder entfernt werden. Aber Lügen haben lange Beine, Verschwörungstheorien ein langes Leben. Auch die Mär von dem Adjuvans, das Golfkriegssyndrom auslöst, längst totgeglaubt, wurde wiederbelebt.

Am Ende ließen sich nur zehn Prozent der Bevölkerung gegen das Schweinegrippevirus impfen. Gegen die saisonale Grippe doppelt so viele. „Dabei haben wir diese Viren seit dem Frühsommer so gut wie gar nicht mehr gefunden“, sagt Haas. Dennoch empfahlen viele Ärzte, sich nur gegen die saisonale Influenza zu schützen. Wie vermutet, hat das Schweinegrippevirus aber alle anderen Grippeerreger verdrängt – und in manchen Fällen die Vernunft gleich mit.

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