Neue Webseite : Arbeiterkind an der Uni

Katja Urbatsch hat sich durchs Unisystem durchgebissen. Sie bekam später ein Stipendium, machte ihr Examen. Heute möchte sie andere Studenten aus nichtakademischen Haushalten unterstützen.

Johannes Boie

Katja Urbatsch war ein bisschen spät dran, als sie erfuhr, dass es Stipendien für Studienanfänger gibt. Sie war im vierten Semester. Und auch sonst lief für die 26-Jährige während ihrer Studienzeit nicht alles glatt. Sie hatte keine Ahnung, wie man eine Hausarbeit schreibt. Sie traute sich nicht, im Seminar die Hand zu heben. Von Fach- und Fremdwörtern war sie eingeschüchtert. Kurz: Die Welt der akademischen Ausbildung war Urbatsch fremd. Wie ihr sei es vielen ihrer Kommilitonen gegangen, sagt sie. Und gemeinsam hätten sie festgestellt, dass sie alle aus nichtakademischen Haushalten kommen: „Wir sind Arbeiterkinder“, sagt Urbatsch. Zum Stress an der Uni sei die Unsicherheit zu Hause gekommen. Dort habe man sich oft gegen Vorurteile der eigenen Familie durchsetzen müssen: „Studieren, das ist doch brotlose Kunst.“

Urbatsch hat sich durchs Unisystem durchgebissen. Sie bekam später ein Stipendium, machte ihr Examen. Heute möchte sie andere Studenten aus nichtakademischen Haushalten unterstützen. Gemeinsam mit fünf Bekannten hat sie ehrenamtlich die Webseite arbeiterkind.de gegründet – als Hilfestellung und Anregung zum Studium für Kinder aus nichtakademischen Haushalten.

Statistisch gesehen hat die Seite eine große Zielgruppe: während 83 von 100 Kindern aus akademischen Haushalten studieren, sind laut einer Studie des deutschen Studentenwerkes nur 23 Prozent der „Arbeiterkinder“ immatrikuliert. Und das, obwohl 46 Prozent die Hochschulreife erreichen – also formal die erste Hürde zur universitären Zulassung bereits genommen haben. „Die leiden unter einem großem Informationsdefizit“, sagt Urbatsch.

Hauptteil ihres Online-Angebotes ist eine Argumentationshilfe, die den Jugendlichen vermitteln soll, warum es sich überhaupt lohnt zu studieren. Zehn „gute Gründe“ gibt Urbatsch und ihr Team jungen Interessierten an die Hand, gleichzeitig bietet die Seite auch Schützenhilfe für familieninterne Diskussionen: die gängigsten Vorurteile gegen ein Studium („Kostet doch nur Geld“) werden widerlegt. Dabei wird auch gezeigt, dass viele Vorurteile gegen ein Studium auf Unwissenheit, derer beruhen, die sie vorbringen. Um aber den Klischees auch auf praktischer Ebene zu begegnen, gibt arbeiterkind.de konkrete Tipps zu staatlicher Förderung wie Bafög, und Stipendien. In organisatorischer Hinsicht hilft arbeiterkind.de mit den Punkten „Studienplatz organisieren“ und „Praktika absolvieren“. Wer es gegen alle Widerstände an die Uni geschafft hat, wird sich über Hilfestellungen zu Themen wie „Im Ausland studieren“ freuen. Darüber hinaus berichten ehemalige Stipendiaten, die allesamt nicht aus akademischen Familien stammen, von ihren Erfahrungen in den Stiftungen. Der Werbeträger der Seite, der Manager der Nationalmannschafts Oliver Bierhoff, mag besonders aufmerksam den Eintrag „Examen meistern“ gelesen haben. Er studierte laut der Online-Enzyklopädie Wikipedia 26 Semester an einer Fernuniversität, bis er Diplom-Kaufmann wurde.

Einige Texte der nur wenige Wochen jungen Webseite sind noch nicht fertig formuliert. Auch wenn der Zuschnitt der Seite auf die Bedürfnisse von Jugendlichen aus nichtakademischen Familien einzigartig ist, bieten manche der Infotexte nicht mehr als die vielen Hilfsangebote, die es im Netz bereits für Studienanfänger gibt. Offen bleibt auch, inwieweit die Seite ihre Zielgruppe erreichen wird. Das grundlegende Problem von Kindern aus nichtakademischen Familien manifestiert sich zwar in den Vorurteilen, denen sie sich beim Wunsch eines Studiums ausgesetzt sehen, ist aber vermutlich effektiv nur struktureller und tiefgreifender zu bekämpfen, als es eine einzelne Webseite vermag.

Urbatsch weiß um die Schwachstellen ihres Projektes. Deshalb hofft sie einerseits auf Fördergelder, um ihre Initiative online ausweiten zu können. Außerdem plant sie auch den Aufbau eines deutschlandweiten Netzwerkes: lokale Gruppen von „Arbeiterkindern“, die sich mit der Unterstützung von geschulten Mentoren an Schulen und Universitäten organisieren und gegenseitig helfen sollen. Und in Gießen, dem Heimatort der Initiative, bestehen sogar bereits erste Kontakte zu Grundschulen. Johannes Boie

0 Kommentare

Neuester Kommentar