Neuer BBAW-Präsident : Wechselspiel an der Akademie

Martin Grötschel soll dem Vernehmen nach Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften werden. Eine Überraschung, denn lange war ein anderer als Nachfolger von Günter Stock im Gespräch.

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Am Zug. Der Mathematiker Martin Grötschel leitet bislang die Einstein-Stiftung und das Zuse-Zentrum.
Am Zug. Der Mathematiker Martin Grötschel leitet bislang die Einstein-Stiftung und das Zuse-Zentrum.Foto: Ulrich Dahl/Technische Universität

Noch ist Martin Grötschel mit seiner Einstein-Stiftung Mieter in dem monumentalen Gebäude am Gendarmenmarkt. Doch schon bald könnte er dort Hausherr sein. Der Mathematiker, der neben der Stiftung zur Förderung der Berliner Spitzenforschung hauptamtlich das Konrad-Zuse-Zentrum für Informationstechnik leitet, soll dem Vernehmen nach Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) werden – als Nachfolger von Günter Stock, der 2015 aus Altersgründen ausscheidet.

Das ist trotz Grötschels wissenschaftlicher Meriten eine Überraschung. Denn lange war der Theologe Christoph Markschies, seit 2011 BBAW-Vizepräsident, Stocks „Kronprinz“. Doch nun soll die Findungskommission den 66-jährigen Grötschel für das Präsidentenamt ausersehen haben. Mit seiner Wahl wird an diesem Freitag beim Einsteintag, einer festlichen Jahresversammlung, gerechnet.

Forscher und Organisator

Mit Grötschel würde ein renommierter Wissenschaftler an der Spitze der Akademie stehen. 1991 kam er nach Berlin, wurde zugleich Vizepräsident des Konrad-Zuse-Zentrums und Professor an der TU. Vier Jahre später erhielt er den hoch dotierten Leibniz-Preis. Grötschel gilt auch als fähiger Organisator, was er etwa in der Leitung des vom Bund finanzierten Forschungszentrums Matheon bewiesen hat. Es wird seit diesem Jahr als erstes eigenes Zentrum der seit 2011 von ihm geleiteten Einstein-Stiftung weitergeführt. 2011 hat Grötschel, der auch Generalsekretär der Weltvereinigung der Mathematiker (IMU) ist, dann maßgeblich dazu beigetragen, das zentrale IMU-Büro in die Stadt zu holen und damit Berlin zur „Hauptstadt der Mathematik“ zu machen. Da ließ sich auch die gescheiterte Kandidatur für die TU-Präsidentschaft 2009/10 verschmerzen.

Doch trotz seiner Verdienste und seines Engagements für die Wissenschaft hat an der Akademie wohl kaum jemand auf Grötschel gesetzt. Er agiere eher im Hintergrund, heißt es. Grötschel sei einfach nicht der Typ des umtriebigen Wissenschaftsmanagers, den der Physiologe und frühere Schering-Vorstand Günter Stock (70) als BBAW-Präsident seit 2006 so überzeugend verkörpere.

Rückzug in die Wissenschaft

Dass Markschies aus dem Rennen ist, bestätigt er selber. Dem Tagesspiegel teilte er auf Anfrage mit: „Ich strebe nicht an, Präsident der BBAW zu werden, sondern möchte mich weiter auf meine Wissenschaft konzentrieren.“ Es gebe einen „vorzüglichen Kandidaten“, den er vorbehaltlos unterstütze. Doch warum das plötzliche Aus für den „Kronprinzen“? Seine umstrittene Amtsführung als Präsident der Humboldt-Universität in den Jahren 2006 bis 2010 war für die Akademie lange kein Hinderungsgrund, ihm die Geschicke des Hauses anvertrauen zu wollen. Zuletzt gab es allerdings Gerede über seine Rolle im Fall der nach ihrer Plagiatsaffäre zurückgetretenen Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Markschies gehörte zu den Wissenschaftlern, die sich vehement für Schavan eingesetzt haben. Er habe die Doktorarbeit gelesen und viele der Vorwürfe überprüft, die Fehler seien „nicht drastisch genug, um den Doktorgrad abzuerkennen“, erklärte er etwa im Januar 2013.

Die Universität Düsseldorf tat kurz darauf genau dies nach einem aufwendigen Plagiatsverfahren. In jener Zeit gründete Markschies an der Akademie die Arbeitsgruppe „Zitat und Paraphrase“. Schon der Titel erinnerte an die Argumentation von Schavans professoralen Verteidigern. Der Antrag auf Einrichtung der AG stand dann einem Bericht der Düsseldorfer Fakultät zufolge ihren Anwälten im Verfahren am Verwaltungsgericht Düsseldorf zur Verfügung. Dort klagte Schavan gegen den Titelentzug, ohne Erfolg. Heute gibt sich Markschies distanziert, so teilt er mit, die Arbeitsgruppe sei „ausdrücklich unter der Maßgabe eingerichtet“ worden, „dass man sich nicht mit der Causa Schavan beschäftigen will“.

Skandalfrei und berechenbar

Aus der Arbeitsgruppe ist zu hören, das Projekt sei durchaus in der Absicht lanciert worden, Schavans Fehler durch Vergleiche etwa mit historischen Zitierweisen zu relativieren. Markschies habe dann aber keineswegs nur „Schavanisten“ eingeladen und viele AG-Mitglieder wollten auch dezidiert nicht als „Feigenblatt“ fungieren. Jedenfalls habe die Debatte um die Rehabilitierungsabsicht Markschies an der Akademie geschadet. Gleichzeitig hatte sich wie berichtet Präsident Stock dafür stark gemacht, die Ex-Ministerin für ihre Verdienste als Wissenschaftspolitikerin mit der Leibniz-Medaille der BBAW zu ehren. Daraufhin sei zuletzt die Stimmung aufgekommen, es gehe nicht an, sich weiter als „treue Paladine Schavans“ zu gebärden.

Martin Grötschel hat bei alledem offenbar keine Rolle gespielt. Er gilt auch sonst als angenehm skandalfrei – und damit als geeigneter Kompromisskandidat. Grötschel wollte sich auf Anfrage nicht äußern.

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