Neuer HU-Präsident : „Hunderte kamen ohne Kotau aus“

07.06.2010 11:44 Uhr

Die Debatte um die DDR-Vergangenheit des designierten Präsidenten der Humboldt-Universität, Jan-Hendrik Olbertz, geht weiter. Ihm wird vorgeworfen, seine Vergangenheit weiter zu vernebeln.

Erstmals äußerte sich jetzt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, dessen Vortrag am 21. Mai Aufsehen verursacht hatte, im Interview. Kowalczuk hatte dem Pädagogik-Professor Olbertz, bis vor kurzem Kultusminister von Sachsen-Anhalt, bei einer Veranstaltung an der FU vorgeworfen, seine Dissertation und seine Habilitationsschrift seien „Propagandaschriften“ gewesen.

Er wolle „der vielfach geäußerten Ansicht widersprechen, man habe in der DDR nur akademisch arbeiten können, wenn man den geforderten ideologischen Kotau vor der SED vollzogen habe“, sagte Kowalczuk jetzt der „Märkischen Allgemeinen“. Hunderte oder tausende von Arbeiten seien „ohne politischen Kniefall“ ausgekommen.

Kowalczuk wirft Olbertz auch vor, er habe in den vergangenen 20 Jahren „keine Aktivitäten in Sachen (selbst)kritischer Aufarbeitung öffentlich unternommen“ und: „Er vernebelt weiter.“ Kowalczuk fühlt sich in der Grundthese seines Vortrags (nachzulesen unter www.havemann-gesellschaft.de) bestätigt, die Hochschulen hätten kein Interesse an ehrlicher Aufarbeitung. Es sei ein Skandal, dass sich „absolut niemand“ in der Findungskommission der HU mit Olbertz’ Arbeiten beschäftigt habe. Denn dieser erhalte auch eine Professur für Erziehungswissenschaft an der HU: „Was wollen künftig Hochschullehrer dieser Uni ihren Studenten sagen, wenn diese beim Schummeln ertappt wurden …“, fragt Kowalczuk.

Der 42-Jährige, der Fachkoordinator der Abteilung Bildung und Forschung bei der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen ist, erklärt, er habe sich Olbertz’ Arbeiten nach einem Interview in der „Welt“ (20. April) angesehen. Olbertz sprach darin auch über „subtile Formen des Widerstehens“ in der DDR. Davon sei in Olbertz’ Arbeiten nichts zu erkennen.

Der Schriftsteller Marko Martin, der die DDR als Kriegsdienstverweigerer 1989 verließ, meint auf „Welt online“, Olbertz habe seine DDR-Karriere im Bereich Erziehungswissenschaften begonnen. Dort sei gelehrt worden „wie man Generationen von Schülern, Lehrlingen und Studenten zu willigen Parteihörigen formt“: „Das marxistisch-leninistische Kauderwelsch war hier eben nicht der notwendige Tribut, den man zahlen musste, um ein ansonsten innerlich freies Leben zu führen. Es war im Gegenteil Teil der inneren Vergiftung, eine Mitmacher-Haltung, wobei es keine Rolle spielt, ob sie nun aus Überzeugung oder Opportunismus geboren war: Denn jede dieser rhetorischen Angleichungen erhöhte den psychologischen Druck auf Abweichler, ließ sie vereinsamen und als manichäische Sonderlinge erscheinen.“

Martin schreibt: „Wenn nun einer ausgerechnet Präsident einer hauptstädtischen Elite-Einrichtung werden will und sein früheres Tun bis dato kaschierte und nun als ,peinlich’ und als ,verbale Zugeständnisse’ verniedlicht, dann sind nicht allein Zweifel an seiner intellektuellen Redlichkeit angebracht, sondern auch an seinem Verständnis akademischer Arbeit.“

Doch Olbertz erhält auch Zuspruch. In der „Zeit“ erklärte der Redakteur Jan-Martin Wiarda, an den Vorwürfen sei „nichts dran“. Als Kronzeugen hat er Erich Thies befragt, Generalsekretär der Kultusministerkonferenz und an der HU 1990 für die Abwicklung der DDR-Pädagogik zuständig. Thies vermutet eine Kampagne. Sie sei „kennzeichnend für einen Typ Journalismus, der jede Gelegenheit nutzt, als integer geltende Persönlichkeiten zu skandalisieren, die ein neues, viel beachtetes Amt antreten sollen“. (akü/-ry)

Heinz Sielmann Stiftung

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