Neuer Lesesaal wird erst 2012 fertig : Stabi-Leser müssen warten

Die Eröffnung eines neuen Lesesaals sollte der Höhepunkt im Jubiläumsjahr der Staatsbibliothek zu Berlin werden. Doch die 350-Jahr-Feier muss ohne den spektakulären Neubau des Architekten HG Merz über die Bühne gehen.

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Ein virtuelles Modell zeigt den von HG Merz entworfenen Lesesaal. Foto: Staatsbibliothek
Ein virtuelles Modell zeigt den von HG Merz entworfenen Lesesaal. Foto: Staatsbibliothek

Der Lesesaal in Form eines gläsernen Kubus, der anstelle des 1943 zerbombten zentralen Lesesaals in den Altbau Unter den Linden eingebaut wird, kann anders als angekündigt nicht in diesem Jahr eingeweiht werden.

Die Schlüsselübergabe werde erst „im Winter“ erfolgen, zwischen Dezember dieses Jahres und Februar 2012, sagte der Sprecher des Bundesamts für Bauwesen und Bauplanung, Andreas Kübler, auf Anfrage. Eröffnet werden könnte der Lesesaal dann im Frühjahr 2012, ist aus der Staatsbibliothek zu hören. Denn nach der Schlüsselübergabe brauche man drei bis vier Monate, um die Bücher einzuräumen, die Technik einzurichten und die Abläufe zu testen. Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf war zu einer Stellungnahme ebenso wenig bereit wie das Berliner Büro von HG Merz.

Die Bauarbeiten seien zwischenzeitlich ins Stocken geraten, sagt der Sprecher des Bundesamtes, das für die Realisierung zuständig ist. Unter anderem sei einer Haustechnikfirma gekündigt worden, die Fertigstellungstermine nicht eingehalten hatte, ein Handwerksbetrieb habe Pleite gemacht. Auch die Generalsanierung am Standort Unter den Linden, die 2013 abgeschlossen sein sollte, verzögere sich um ein weiteres Jahr. Erst 2014 also soll das 1914 eröffnete Haus im alten Glanz erstrahlen, innen neu ausgestattet auch mit einem Bibliotheksmuseum.

Benutzer der „Stabi“ sind fassungslos, dass sie noch so lange mit Provisorien leben müssen. Denn alle Baumaßnahmen finden bei laufendem Betrieb statt – auch im Haus an der Potsdamer Straße. In der 1967 bis 1978 nach Plänen von Hans Scharoun im Westteil der Stadt errichteten Großbibliothek läuft seit fünf Jahren eine aufwendige Asbestsanierung. Nachdem sich im vergangenen Jahr Asbestfasern in einem Magazin niedergeschlagen hatten, konnten zwei Millionen seit 1970 erworbene Bücher und Zeitschriften bis Ende 2010 nicht ausgeliehen werden.

Doch auch die verzögerte Eröffnung des neuen Lesesaals im historischen Altbau wirkt sich in der Potsdamer Straße aus. Die Handbibliotheken seien schon lange ausgedünnt worden, um sie am Tag der Eröffnung im neuen Lesesaal bereitstellen zu können, klagen Benutzer. So gebe es nur noch einen Rumpfbestand an Wörterbüchern, der auch nicht mehr aktualisiert werde. Die Verwaltung der Bibliothek bestätigt, dass die Bestände für den neuen Lesesaal im Haus Unter den Linden im Magazin konzentriert werden. Die Werke seien aber ausleihbar. Doch Benutzern, die mal eben etwas nachschlagen wollen, hilft das nichts.

Bei Großbaumaßnahmen müsse leider immer mit einer Verzögerung von ein bis zwei Jahren gerechnet werden, sagt Bundesamtssprecher Kübler. Die Situation im Haus Unter den Linden sei besonders kompliziert, weil der neue Lesesaal in den alten Komplex hineingebaut wird, Verbindungen zwischen Neu- und Altbau seien technisch besonders anspruchsvoll. Seine Behörde habe sich von Anfang an nicht auf einen Termin festlegen wollen. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz habe sich jedoch eine Eröffnung zur 350-Jahr-Feier gewünscht – und angekündigt.

Die Baukosten blieben trotz der Verzögerung „im Rahmen“, sagt Kübler. Eine Kostensteigerung von ursprünglich 333 Millionen Euro für die Baumaßnahmen Unter den Linden auf jetzt veranschlagte 365 Millionen Euro sei darauf zurückzuführen, dass die Baupreise seit 2006 angezogen hätten. Amory Burchard

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