Neuer Präsident : Krebsforscher soll Helmholtz-Gemeinschaft leiten

Mit der Politik stritt Otmar Wiestler einst um das Stammzellgesetz, jetzt hat die Mitgliederversammlung der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren (HGF) den Krebsforscher für das Amt des Präsidenten vorgeschlagen.

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Otmar Wiestler, Direktor des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, ist als Präsident der Helmholtzgemeinschaft nominiert
Otmar Wiestler, Direktor des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, ist als Präsident der Helmholtzgemeinschaft...Foto: DKFZ

Wiestler ist kein Neuling in der Helmholtzgemeinschaft. Von 2007 bis 2012 war er Vizepräsident für Gesundheit im Präsidium der HGF. Und seit zehn Jahren leitet der gelernte Mediziner eines der größten HGF-Institute: das Heidelberger Krebsforschungszentrum DKFZ, das er ganz auf „Translationale Krebsforschung“ ausgerichtet hat – die enge Verzahnung der Grundlagenforschung mit der klinischen Anwendung. Dafür gründete er beispielsweise mit der Heidelberger Universitätsklinik das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen.

Mehr molekulare Medizin

„Mit der Nominierung von Otmar Wiestler bekennt sich die HGF zu einer molekularbiologisch orientierten Medizin“, sagt Friedrich von Bohlen und Halbach, Biologe und Biotech-Investor, der mit Wiestler 2001 die Bonner Firma Life&Brain gründete. Damals leitete Wiestler das Institut für Neuropathologie der Universität Bonn und machte Schlagzeilen, als er sich für den Stammzellforscher Oliver Brüstle einsetzte. 1999 wollten Brüstle und Wiestler ihre Forschungsergebnisse mit embryonalen Stammzellen an Mäusen auf den Menschen übertragen – und traten die öffentliche Diskussion um die Verwendung menschlicher embryonaler Stammzellen los, die letztlich zum Stammzellgesetz führte. Weder mit der Politik noch mit der Industrie hat Wiestler Berührungsängste, sagt Bohlen: „Von ihm ist zu erwarten, dass sich die HGF so wie die Max-Planck-Gesellschaft einer angemessenen Zusammenarbeit mit der Industrie öffnet.“ Er habe genug Erfahrung, um „alte Gräben“ überwinden zu können.

Kritik an übergroßem Einfluss

Die Macht, solche Veränderungen auch über die HGF hinaus durchzusetzen, hätte Wiestler als Präsident der größten Wissenschaftsorganisation Deutschlands und einem Jahresbudget von rund 3,8 Milliarden Euro. Eben diesen überproportionalen Einfluss auf die Forschungspolitik und die Marginalisierung der Universitäten kritisierte der Frankfurter Pharmakologe Josef Pfeilschifter. In seiner Polemik nennt er die Zukunftspläne der HGF („Helmholtz 2020“) „Hybris 2020“. Auch der Bundesrechnungshof bemängelte 2011 die nach oben offenen Gehaltsspielräume von HGF-Forschern und dass die HGF eine Milliarde Euro der üppigen Mittel gar nicht ausgeben konnte.

Stimmt der Senat der HGF der Nominierung Wiestlers zu, wird der neue Präsident das Amt zum September nächsten Jahres antreten.

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