Wissen : NEUE SACHBÜCHER

Rosemarie Stein

Heillose Heilkunde

Vom Niedergang der wissenschaftlichen Medizin, der Entmündigung der Ärzte und der Mutation des Gesundheitswesens zur Gesundheitswirtschaft handelt ein kleines, aber inhalts- und konfliktstoffreiches Buch mit dem Titel „Ware Gesundheit“. Die Medizin will heute gut fundiert („evidenzbasiert“) sein, das ist sie aber allenfalls theoretisch. Im wirklichen Leben wird sie von überwiegend ökonomischen Einflüssen beherrscht. „Erstmals in der Geschichte der Medizin ist der Kranke für die Volkswirtschaft ebenso wertvoll wie der Gesunde, vielleicht sogar noch wertvoller“, schreibt Paul U. Unschuld. Der Charité-Medizinhistoriker und Sinologe kennt sich aus in der Geschichte der Medizin und des Gesundheitswesens nicht nur Europas und schlägt einen Bogen über zweieinhalb Jahrtausende.

Wie Patienten und Ärzte unter fachfremden Einflüssen zu leiden haben, zeigt der Autor an zahlreichen Beispielen. Hier nur eins davon: Die Einführung der Fallpauschalen in den Krankenhäusern hat ihren Zweck nicht erfüllt, die verbreitete Verschwendung zu beenden, und sie schadet Ärzten wie Patienten. Die entmachteten Ärzte werden nicht selten von der Verwaltung angewiesen, zwei zusammengehörende Eingriffe auf zwei Termine zu verteilen, um jedesmal eine Pauschale zu erwirtschaften. Und Patienten werden nicht direkt in eine Fachklinik verlegt, sondern erst einmal nach Hause entlassen, damit die Fallpauschale nicht geteilt werden muss.

Außer durch die Dominanz des Kommerzes sieht Paul Unschuld die wissenschaftliche Medizin aber auch durch die „Beliebigkeitsheilkunde“ gefährdet. Unter Bezeichnungen wie „alternativ“, „komplementär“ oder neuerdings „integrativ“ dringe diese „wissenschaftlich nicht legitimierbare“ Heilkunde nun sogar in die Zentren akademischer Medizin vor, etwa die Akupunktur und die „Traditionelle chinesische Medizin“. Dazu der Kenner der wirklichen Medizin Chinas: „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Patient, der fünf verschiedenen Praktikern dieser Heilkunde vorgestellt wird, mit fünf verschiedenen Diagnosen und Behandlungsvorschlägen konfrontiert wird, ist sehr groß“. Rosemarie Stein

Paul U. Unschuld: „Ware Gesundheit. Das Ende der klassischen Medizin. C. H. Beck Verlag, 124 Seiten, 9,95 Euro.

Geburtstagssträußchen

für die Charité

Nächstes Jahr wird die Charité 300 Jahre alt, und dieses Buch ist ein Geburtstagsgeschenk. Es schildert die Entwicklung der Charité vom Armenasyl über die Ausbildungsstätte für Militärärzte und die große Zeit als weltberühmtes Zentrum der Medizin bis zur heutigen multiplen „Universitätsmedizin Berlin“. Das Buch ist flüssig geschrieben, aber leider mitunter oberflächlich und lückenhaft. Gerne hätte man ein paar neue Erkenntnisse zur hoch komplexen Charité-Geschichte gelesen, aufgrund eigener Recherchen an Ort und Stelle. Den Quellenangaben aber ist zu entnehmen, dass der Autor sein Buch fast nur aus anderen Werken kompiliert hat, zum Teil sogar aus populären Publikationen wie dem 1963 verfassten Charité-Buch des Journalisten Gerhard Jaeckel. R. St.

Die Charité. Ein Krankenhaus in Berlin 1710 bis heute. Siedler Verlag, 288 Seiten, 19,95 Euro.

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