Neurobiologie : Droge beruhigt gewalttätige Ratten

Reparatur eines einzigen Neurotransmittersystems unterdrückt pathologische Aggressivität.

Alison Abbott

Wissenschaftler haben eine Droge entdeckt, die aggressives Verhalten bei wilden Ratten, die darauf trainiert wurden, gewalttätig zu sein, dämpft. Auch wenn die Entdeckung möglicherweise nicht auf direktem Weg zu einer Therapie für pathologisch gewalttätige Menschen führt, legt sie die Mechanismen, die hinter dieser Art der Gewalt stehen, offen, sagen Forscher, was die Tür für zukünftige Behandlungswege öffnet.
Sietse de Boer und seine Kollegen von der Universität Groningen, die das erste Tiermodell für pathologische Aggression erstellten, berichteten auf dem Meeting der Society for Neuroscience in San Diego über ihre Ergebnisse.
Obwohl Gewalt ein ernstes soziales Problem ist, war es Wissenschaftlern bislang nur möglich, "normale" oder "angemessene" Aggression bei Tieren zu studieren - zum Beispiel beim Kampf um begrenzte Futterressourcen oder Partner. Derartige Studien wurden üblicherweise mit normalen Laborratten durchgeführt, die über Jahre gezüchtet worden waren und zahm und einfach zu handhaben sind.
Daher entschieden sich die Wissenschaftler, stattdessen mit wilden Ratten zu arbeiten. Obwohl eine männliche Ratte andere Männchen bekämpft, wird es keine Weibchen angreifen, sondern sie eher umwerben. Ebenso wird sie keinen narkotisierten "Eindringling" bekämpfen, da sie erkennt, dass von ihm keine Gefahr ausgeht. De Boer gelang es jedoch, dieses Verhalten zu verändern, indem er die Ratten darauf trainierte, grundlos gewalttätig zu sein.

Wütende Ratten

Das Team rief aggressives Verhalten hervor, indem es täglich über zwei bis drei Wochen schwache Eindringlinge einschleuste, die darauf abgerichtet waren, Kämpfe anzuzetteln. Nach wiederholten Siegen über andere Ratten wurden die Testtiere auf eine pathologische Art immer aggressiver, bekämpften Herausforderer brutaler - darunter auch schwache Weibchen und betäubte Männchen, die keine Gefahr für sie darstellten.
Daraufhin untersuchte de Boer die Serotoninspiegel im Gehirn der Ratten. Niedrige Spiegel sind eng mit aggressivem Verhalten verbunden, und bei pathologisch aggressiven Menschen wurden niedrige Spiegel von Serotoninmetaboliten in der Rückenmarksflüssigkeit nachgewiesen worden. Darüber hinaus wurde beobachtet, dass Antidepressiva, welche die Serotoninspiegel erhöhen, bei manchen Menschen aggressives Verhalten reduzieren.
Obwohl sich die Serotoninspiegel im Gehirn der Ratten nicht aufgrund normaler, "angemessener" Gewalt verändern, entdeckte de Boer, dass diese Spiegel bei seinen pathologisch aggressiven Ratten sanken.

Aggressiver Zug

Die Wissenschaftler entdeckten darüber hinaus, dass sie das aggressive Verhalten der Ratten verändern konnten, wenn sie das Serotoninsystem manipulierten. Sie gaben den Ratten S-15535, eine Komponente, die ausschließlich an den neuronalen Autorezeptor mit der Bezeichnung 5-HT1a bindet, der das Serotoninsystem dämpft. An diese Rezeptoren zu binden, scheint die Serotoninspiegel der Ratten wieder auf ein normales Niveau zu bringen.
Selbst wenn relativ geringe S-15535-Dosen gegeben wurden, entdeckte de Boer, dass sowohl die Serotoninspiegel wie auch die Aggressivität auf ein normales Maß zurückgingen. Die eingeschränktere Gewalttätigkeit natürlicherweise wenig aggressiver Ratten konnte ebenfalls auf ein normales Niveau gebracht werden - jedoch nur mit höheren Dosen. Im Gegensatz zu einem Tranquilizer macht S-15535 die Ratten nicht lethargisch oder "weggetreten", es reduziert ihre Aggressivität, ohne anderes Verhalten zu beeinflussen.

Keine Wunderwaffe

Bislang ist unklar, ob S-15535 für die Medikation pathologisch gewalttätiger Menschen geeignet ist. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich ein derart komplexes Verhalten wie pathologische Gewalttätigkeit bei Menschen an einem einzigen Rezeptor festmachen lässt", sagt de Boer.
Die Studie belegt jedoch, dass das Serotoninsystem bei abnormal gewalttätigem Verhalten eine wichtige Rolle spielt. Und das System zu verstehen, ist der erste Schritt, es zu kontrollieren, macht er deutlich.
Wissenschaftler des European Molecular Biology Laboratory in Monterotondo, Italien, haben unabhängig davon die Bedeutung des 5-HT1a-Rezeptors bei Aggressivität bestätigt. Auf demselben Meeting berichteten Enrica Audero und ihre Kollegen von Ergebnissen aus Experimenten mit genetisch veränderten Mäusen, die jederzeit dazu angeregt werden können, das Gen für diesen Autorezeptor zu exprimieren. Das Team fand heraus, dass die Mäuse aggressiver wurden, wenn sie diese Expression anschalteten. Schalteten sie sie aus, kehrten sie Mäuse zu normalen Verhaltensmustern zurück.
"Beide Studien weisen in dieselbe Richtung", sagt Audero.

Dieser Artikel wurde erstmals am 6.11.2007 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news2007.222. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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