Neurobiologie : Elektroden im Gehirn bekämpfen schwere Depressionen

Studie erbringt Erfolge der Tiefenhirnstimulation.

Alison Abbott

Patienten mit einer schweren Depression, die nicht auf konventionelle Behandlungsmethoden ansprechen, könnte der bislang größten Studie zu diesem experimentellen Verfahren zufolge die Tiefenhirnstimulation helfen.

In einer klinischen Studie in Toronto, Kanada, besserte sich bei 12 von 20 Patienten, denen Elektroden in die Gyrus subcallosus genannte Hirnregion implantiert worden waren, die Depression, sieben von ihnen gingen in eine Vollremission.

Den Ergebnissen, die in Biological Psychiatry (1) veröffentlicht wurden zufolge, hielt die Wirkung mindestens ein Jahr lang an. Die in die Studie eingeschlossen Patienten hatten zuvor weder auf kognitive Therapieverfahren noch auf Antidepressiva und Elektrokrampftherapie angesprochen.

Anhaltende Wirkung

Ergebnisse zur Tiefenhirnstimulation bei den ersten sechs Patienten publizierte das Forschungsteam 2005 (2). Vier dieser Patienten reagierten gut und zeigten auch weiter gute Verbesserungen, als die Studie sechs Monate später abgeschlossen wurde. Die neue Studie stellt die größte Untersuchung zur Tiefenhirnstimulation bei Depression dar, die die Patienten ein Jahr lang beobachtet.

"Es ist bemerkenswert, dass es so vielen Patienten besser geht und die Verbesserung anhält", sagt Helen Mayberg, heute an der Emory University in Atlanta, Georgia, die die Therapie mitentwickelte.

"Einige Patienten waren in dieser Zeit mit großen Belastungen konfrontiert, zum Beispiel Todesfälle oder Insolvenzen, aber sie gingen ganz normal damit um - und zeigten die normale Skala der Emotionen", erklärt der Neurochirurg Andres Lozano von der University of Toronto, der die Studie leitete.

Advanced Neuromodulation Systems, ein Unternehmen in Piano, Texas, das Elektroden zur Tiefenhirnstimulation herstellt, sponsert nun eine doppelblinde kontrollierte Phase-3-Studie mit bis zu 200 Patienten an drei Centern in den USA.

Teilnehmer der Studie werden Apparate zur Tiefenhirnstimulation in derselben Hirnregion implantiert bekommen wie in der kanadischen Untersuchung. Die Hälfte der Vorrichtungen wird unmittelbar nach dem Eingriff eingeschaltet werden, die andere Hälfte nach sechs Monaten. Weder die Patienten noch die Forscher und Kliniker werden wissen, wessen Gehirn zu welchem Zeitpunkt stimuliert wird. Es wird erwartet, dass die Studie über mehrere Jahre laufen wird.

Mehr als eine Maniküre

"In der Zwischenzeit müssen wir herausfinden, warum manche Patienten überhaupt nicht darauf ansprechen", sagt Mayberg. "Verfehlen wir das Ziel oder gibt es verschiedene Subtypen der Erkrankung?" Ihr Team versucht nun, diejenigen Patienten zu identifizieren, die auf die Tiefenhirnstimulation ansprechen werden. "Hirnchirurgie ist nicht wie sich mal eben die Nägel machen lassen, daher ist es wichtig herauszufinden, wer davon profitieren wird."

Weitere Einrichtungen in Deutschland und Belgien sowie die Cleveland Clinic in Ohio führen ebenfalls Untersuchungen zur Tiefenhirnstimulation bei Depression durch, jedoch konzentrieren sie sich auf andere Hirnregionen. Neurologen gehen davon aus, dass die Therapie durch eine Aktivierung oder Dämpfung bestimmter Hirnareale wirkt. Zurzeit weiß noch niemand, welche Punkt innerhalb dieser Areale sich als optimale Ziele der Therapie erweisen werden. "Es ist wichtig, in diesem frühen Stadium verschiedene Ansätze zu verfolgen", sagt Mayberg.

Die deutsche Studie zum Beispiel konzentriert sich auf den Nucleus accumbens. Der Psychiater Thomas Schlaepfer von der Universität Bonn sagt, dass die meisten der zehn von seinem Team untersuchten Patienten bislang gut ansprechen. "Wir haben unsere Patienten unter den schlimmsten der schlimmen Fälle ausgesucht - Menschen, die während der letzten zwanzig Jahre oder länger durchgängig an einer Depression litten", erklärt er. "Für uns Psychiater ist es erstaunlich zu sehen, dass viele der Patienten keine Symptome mehr zeigen - auch wenn zwei überhaupt nicht ansprachen."

Die Einrichtungen untersuchen ebenfalls den Nutzen der Tiefenhirnstimulation bei anderen psychiatrischen Störungen wie Sucht und Zwangsstörungen.

(1) Lozano, A. M. et al. Biol. Psychiatry doi: 10.1016/jbiopsych.2008.05.034 (2008).
(2) Mayberg, H. S. et al. Neuron 45, 651-660 (2005).

Dieser Artikel wurde erstmals am 23.7.2008 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news.2008.970. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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