Neurobiologie : Neue Medikamente gegen Schizophrenie wecken große Hoffnungen

Medikamenten-Versuchsreihe brachte ersten großen Durchbruch seit 50 Jahren.

Alison Abbott

Psychiater haben die Vorstellung der ersten neuen Art von Schizophrenie-Medikamenten seit den 1950er Jahren begrüßt.
Den ersten klinischen Testdaten zufolge scheint das Prototyp-Medikament mit dem Codenamen LY2140023, das Forscher des Unternehmens Eli Lilly in Indianapolis entwickelten, ebenso wirksam wie Olanzapin, das beste derzeit verfügbare Medikament, zu sein. Die Forscher hoffen, dass das Medikament Psychiatern eine neue Alternative in der Behandlung ihrer Patienten eröffnet, bei der der Nutzen größer als die Nebenwirkungen ist.
Laut Weltgesundheitsorganisation ist etwa ein Prozent der Bevölkerung weltweit von Schizophrenie betroffen. Die breite Palette der Symptome reicht Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Verwirrtheit und sozialem Rückzug bis zu emotionaler "Flachheit".
Derzeit bekannte Medikamente gegen Schizophrenie wirken alle in derselben Weise, indem sie die Dopaminspiegel im Gehirn reduzieren. Die Erkrankung lässt sich mit ihnen jedoch nicht bei allen Patienten gleich gut kontrollieren und häufig treten unerwünschte Nebenwirkungen auf. Das neue Medikament wird im Körper in eine zweite Komponente mit der Bezeichnung LY404023 umgewandelt, die die Aktivität eines zweiten Neurotransmitters, Glutamat, dämpft.
Die Forscher des Pharmaunternehmens sind der Ansicht, dass die Testreihe prinzipiell belegt, dass ihr neuer Ansatz funktioniert; ob diese bestimmte Komponente zum klinischen Einsatz kommen wird, ist jedoch noch nicht klar. "Unsere Studie erbrachte den ersten überzeugenden Beleg, dass Glutamat in der Pathophysiologie der Schizophrenie eine Rolle spielt", so James Monn.
Für die Studie wurden 196 Patienten vier Wochen lang entweder mit LY2140023, Olanzapin oder Placebo behandelt. Beide Medikamente waren im Großen und Ganzen gleich wirksam, wie in Nature Medicine (1) berichtet wird.

Neuer Ansatz

"Hinsichtlich der Entwicklung neuer Medikamente ist dies ein gewaltiger Schritt nach vorn - und so ziemlich der erste große Schritt, seit der Einführung von Chlorpromazin 1952", kommentiert Solomon Snyder, Neuropharmakologe an der Johns Hopkins University in Baltimore.
Chlorpromazin veränderte die Behandlung der Schizophrenie - trotz seiner gravierenden Nebenwirkungen wie unkontrollierte Bewegungen und Laktation. Vor seiner Einführung waren die meisten Schizophreniepatienten zu einem Leben in einer geschlossenen Einrichtung verdammt. Neuere Medikamente derselben Kategorie, darunter Olanzapin, sind in ihrer chemischen Zusammensetzung besser abgestimmt, um die Nebenwirkungen zu minimieren, viele Patienten nehmen sie jedoch immer noch ungern und brechen die Therapie ab. Die Nebenwirkungen von LY2140023, zum Beispiel Schlaflosigkeit und Stimmungsschwankungen, unterscheiden sich geringfügig von denen von Olanzapin, sind jedoch nicht weniger gravierend. Anders als jedes andere bekannte Antipsychotikum verursacht es jedoch keine Gewichtszunahme.
Der Gedanke, das Glutamat eine Rolle bei der Schizophrenie spielt, kam erstmals auf, als Ärzte bemerkten, dass die Partydroge der 1980er Phencyclidin (PCP) vorübergehende Psychosen auslöst, die der Schizophrenie ähneln. Mit dem neuen Medikament lässt sich jedoch zum ersten Mal demonstrieren, dass sich das Glutamatsystem manipulieren lässt, um Schizophreniepatienten zu helfen.
Monn räumt ein, dass die Wissenschaftler nicht genau wissen, wie das neue Medikament seine antipsychotische Wirkung entfaltet. Auf der biochemischen Ebene ist der Ablauf recht simpel, denn LY2140023 wirkt an einem bestimmten Glutamatrezeptor mit der Bezeichnung mGlu2/3, der über einen Regulationsmechanismus an der Glutamatausschüttung beteiligt ist und daher nur in Aktion tritt, wenn das Glutamatsystem auf Hochtouren arbeitet - Schübe hoher Aktivität in diesem Bereich werden als eines der Merkmale der Erkrankung angenommen.

(1) Patil, S. T. et al. Nature Med. advance online publication, doi: 10.1038/nm1632. (2007).

Dieser Artikel wurde erstmals am 2.9.2007 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news070827-9. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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