Neurobiologie : Schnellere Medikamente bei Depression

Medikamente beschleunigen Symptomlinderung bei Ratten.

Ewen Callaway

Ein Medikament gegen Depression, das seine Wirksamkeit deutlich schneller entwickelt als bislang bekannte Präparate, wurde kürzlich entdeckt. Verhaltensstudien und molekulare Tests mit Ratten zeigten, dass die Inhaltsstoffe ihre Wirkung bereits nach Tagen statt nach Wochen entfalten.
Die Medikamente, die als Serotoninrezeptoragonisten bezeichnet werden, werden Paroxetin jedoch so bald nicht ersetzen. Keines ist bislang für die Behandlung von Menschen zugelassen, einige wurden aufgrund von Bedenken hinsichtlich der Nebenwirkungen sogar verworfen.
Wissenschaftler bleiben jedoch weiter am Ball, denn die gängigsten Antidepressiva - selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI) - benötigen bis zu zwei Monaten, ehe sie die Symptome lindern. Bei einem Drittel der Patienten mit Depression wirken sie überhaupt nicht.
"Dies ist ein guter erster Schritt in der Entwicklung schneller wirksamer Antidepressiva", sagt Ronald Duman von der Yale University in New Haven, Connecticut. "Aber es gibt noch viel zu tun."

"Serotoninschwämme"

SSRI wie zum Beispiel Prozac sind in den letzten drei Jahrzehnten eine feste Größe geworden und werden jährlich millionenfach für Erwachsene, Kinder und sogar Haustiere verschrieben. Das Medikament wirkt, indem es die Wiederaufnahme des Neurotransmitters Serotonin in die Synapse hemmt und so die Konzentration des "glücklich machenden" Moleküls im Gehirn erhöht.
Bei den meisten Patienten dauert es jedoch Wochen, bis das Medikament wirkt, sagt Guillaume Lucas, der als Doktorand an den Arbeiten an der McGill University in Montreal, Kanada, beteiligt war. "Bei einer schweren Depression ist die Suizidgefahr groß" fügt er hinzu. Diese zeitliche Lücke wird durch Autorezeptoren verursacht, die das zusätzliche Serotonin aufnehmen. Nach einigen Wochen erfolgt eine Absenkung der Empfindlichkeit und das Serotonin kann sich verbreiten und die Stimmung des Patienten verbessern.

Neue Wege

Lucas und sein Mentor Guy Debonnel, der im letzten Jahr starb, schlussfolgerten, dass die Wirkung von Serotin verbessert werden könne, indem man die Proteine, die es erkennen, aktiviert, statt die verfügbare Serotoninmenge zu erhöhen. Auf diese Weise könnte der frühe Gegeneffekt der Autorezeptoren umgangen werden und die Wirkung früher einsetzen.
Das Team fand zwei chemische Verbindungen, die dies leisten - eine bei einem chemischen Zulieferbetrieb und die zweite in einer abgebrochenen klinischen Studie zur Behandlung des Reizdarms.
In einem der Tests wurden Ratten über mehrere Wochen Stress zum Beispiel durch Wasserentzug oder Blitzlichter ausgesetzt, wobei einige der Tiere Antidepressiva erhielten. Als nächstes untersuchten die Wissenschaftler ihren Zuckerkonsum. Aus früheren Studien wussten die Forscher, dass depressive Ratten süßen Verlockungen seltener erliegen. Die Versuchstiere, die Antidepressiva erhalten hatten, waren in diesem Punkt nicht so zurückhaltend wie die Kontrolltiere und diejenigen, die den neuen Serotoninrezeptoragonisten bekommen hatten, hatten eine Woche vor den mit SSRI behandelten wieder Lust auf Süßes.
Zwei weitere Verhaltensversuche sowie molekulare Tests ergaben, dass die Medikamente schnell wirkten. Nach drei Tagen zeigten Ratten, die Serotoninrezeptoragonisten erhalten hatten, Anzeichen für neues Neuronenwachstum - ein weiterer Indikator für antidepressive Wirkung -, die mit SSRI behandelten Ratten jedoch nicht. Die Ergebnisse wurden in Neuron veröffentlicht.

Weitere Herausforderungen

Obwohl die Studie mit Ratten durchgeführt wurde, gehen die Forscher davon aus, dass Serotoninrezeptoragonisten auch beim Menschen schneller als SSRI wirken können. "Wir können davon ausgehen, dass der therapeutische Nutzen vier- bis fünfmal schneller einsetzt", sagt Lucas, der mittlerweile an der Universität von Montreal ist.
Lucas, der sich die Idee, Serotoninrezeptoragonisten mit SSRI zu kombinieren, hat patentieren lasen, hofft, dass klinische Studien beginnen werden, sobald Komponenten gefunden sind, die für Menschen sicher sind. Sanofi-Aventis, ein Pariser Pharmaunternehmen, testet einen weiteren Serotoninrezeptoragonisten für die Behandlung von Demenz, erklärt Lucas.
Die Studie ragt heraus, da sie verschiedene Wege beleuchtet, den Verlauf einer Depression bei Ratten zu verfolgen, und immer wieder dieselben Antworten fand, so Duman. Er warnt jedoch: "Man muss das Ganze mit einer guten Portion Skepsis betrachten, denn es handelt sich hier um Tiermodelle und sie sind weit von dem entfernt, was in Studien zur Depression bei Menschen herauskommen kann."

(1) Lucas, G. et al. Neuron 55, 712-725 (2007).

Dieser Artikel wurde erstmals am 2.9.2007 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news070827-9. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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