Neurobiologie : Unterschiede bei Dyslexie

Dyslexie im Chinesischen und im Englischen geht auf unterschiedliche Gehirnanomalien zurück.

Emma Marris

Kinder mit Dyslexie haben Schwierigkeiten, lesen zu lernen, die Ursache ihrer Probleme hängt jedoch laut einer Studie, die in Proceedings of the National Academy of Sciences (1) veröffentlicht wurde, davon ab, welche Sprache sie zu lernen versuchen.

Bereits 2004 hatten Li Hai Tan von der Universität Hong Kong und seine Kollegen die Aktivitätsmuster im Gehirn chinesisch- und englischsprachiger Probanden mit und ohne Dyslexie mittels Magnetresonanztomografie untersucht, während sie Leseübungen absolvierten. Die Ergebnisse ließen vermuten, dass die Hirnregionen, die mit einer Dyslexie assoziiert sind, zwischen den Sprachen variieren (2). Im Englischen werden beim Lesen Buchstaben in Laute übersetzt und zusammengefügt, wie in jeder Alphabetschrift. Im Chinesischen kommt es in erster Linie darauf an, eine enorme Anzahl von Symbolen zu erinnern, von denen jedes für ein Wort steht. Daher sind möglicherweise unterschiedliche Hirnregionen gefordert.

Muster der Gehirnaktivität sind jedoch ein wenig mehrdeutig. Die Wissenschaftler konnten nicht sicher sein, ob das, was sie sahen, Ursache oder Ergebnis der Erkrankung war - Aktivitätsmangel und geringere Dichte des Gyrus frontalis medialis der linken Gehirnhälfte bei Chinesen mit Dyslexie, bei englischsprachigen Probanden lag die fragliche Region im Übergang vom linken Temporal- zum Parietallappen.

Die neue Studie nutzte neben der MRT auch die Voxel-basierte Morphometrie, um das Volumen der grauen Hirnmasse in den entsprechenden Hirnregionen zu bestimmen. Chinesische Kinder mit Dyslexie hatten einen deutlich kleineren Gyrus frontalis medialis als chinesische Kinder ohne die Erkrankung, obwohl beide Gruppen dasselbe Volumen grauer Hirnmasse aufwiesen.

"Das ist sehr überraschend für uns, denn wir dachten nicht, dass sich die strukturellen Anomalien unterscheiden würden", sagt Tan.

Höheres Bewusstsein

John Gabrieli, Neurowissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, der ebenfalls zu Dyslexie arbeitet, ist besonders fasziniert von der Region, die für die Dyslexie im Chinesischen verantwortlich ist. Es ist nicht das Areal, das mit dem Erkennen von Symbolen assoziiert ist, sondern mit dem Gedächtnis, einer höheren Hirnleistung.

Die Unterschiede zwischen den beiden Sprachen lassen vermuten, dass Dyslexie zwei Erkrankungen sein könnte. "Das ist die provokativste Möglichkeit, dass man in einer Sprache gut sein kann, in der anderen aber Schwierigkeiten hat", sagt Gabrieli.

Gabrieli hofft, eines Tages Kinder screenen zu könne, wenn sie beginnen, lesen zu lernen, oder sogar bei ihrer Geburt. Darüber hinaus legen die Arbeiten von Elise Temple und ihrem Team in Dartmouth, Großbritannien, nahe, dass Verhaltenstherapie dazu beitragen könnte, das Gehirn von Kindern mit Dyslexie so zu verändern, dass sie mehr wie ihre Altersgenossen ohne Dyslexie werden.

Temple interessiert sich dafür, ob diese Behandlung bei chinesischen Kindern ebenfalls anschlägt. "Reagiert das Gehirn dieser Kinder auf die Therapie und vernetzt es sich neu?", fragt sie.

Die Arbeit legt gleichfalls eine Alternative nahe. Wenn ein Kind im Englischen eine schwere Dyslexie hat, dann kann ihm möglicherweise beigebracht werden, ganze Worte als Einheiten zu erkennen, wie dies im Chinesischen der Fall ist.

Tan Gruppe arbeitet an Therapien für chinesische Kinder mit Dyslexie. Gleichzeitig wollen sie untersuchen, ob den Strukturunterschieden im Gehirn genetische Ursachen zugrunde liegen.

(1) Siok, W. T. et al. Proc. Natl Acad. Sci. USA 105, 5561-5566 (2008).
(2) Siok, W. T. , Perfetti, C. A. , Jin, Z. & Tan, L. H. Nature 431, 71-76 (2004).

Dieser Artikel wurde erstmals am 7.4.2008 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news.2008.739. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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