Neuroforscher : Seele auf Wanderschaft

Wie Forscher das Ich austricksen und ihm das Gefühl geben, außerhalb des Körpers zu sein.

Bas Kast
Seelenwanderung
Viele Menschen, die vorübergehend klinisch tot waren, berichten von einem Licht am Ende des Tunnels. -Foto: Vario Images

Olaf Blanke braucht nur ein klein wenig Strom, um die Seele aus dem Körper zu befreien und auf Reisen zu schicken. Blanke ist Neuroforscher an der Technischen Hochschule in Lausanne. Zahlreiche Epilepsie-Patienten hat er schon untersucht.

Wenn Medikamente bei der Behandlung der Krankheit nicht weiterhelfen, greifen die Ärzte manchmal zu einem letzten Mittel: Sie öffnen einen Teil des Schädels und schneiden das Hirngewebe, von dem die Gewitter im Kopf ausgehen, heraus. Um sicherzugehen, dass sie dabei nicht gesundes Gewebe entfernen, prüft Blanke vorher die Hirnareale rund um das epileptische Zentrum mit schwachen Stromschlägen.

Gar nicht so selten kommt es dabei zu skurrilen Erlebnissen. Manche Patienten überfällt plötzlich das bizarre Gefühl, ihr Geist würde ihren Körper kurzfristig verlassen. Bei einer Frau erregte Blanke das Hirn an der Grenze zwischen Schläfen- und Scheitellappen – dort, wo die Informationen der Augen und des Körpers zusammenlaufen. Prompt sprang das Ich der Dame aus ihrem Leib heraus: „Ich hänge an der Decke, ich gucke runter auf meine Beine“, sagte die Frau, sobald der Strom floss. Schaltete Blanke den Strom ab, meinte sie: „Jetzt bin ich wieder zurück auf dem OP-Tisch. Was ist passiert?“

Eine Frage, die sich auch der Hirnforscher Blanke Tag für Tag aufs Neue stellt. Nun ist er der Sache weiter auf den Grund gegangen und hat versucht, ohne Strom, dafür mit virtuellen Mitteln, das Ich von Testpersonen zu einem Ausflug zu animieren. Die Ergebnisse seiner Studie sind in der aktuellen Ausgabe des US-Forschermagazins „Science“ erschienen.

Der Versuch verlief wie folgt: Eine Testperson stellte sich in die Mitte eines Raums. Zwei Meter hinter ihr stand eine Kamera, die auf ihren Rücken gerichtet war. Die Testperson hatte eine Videobrille auf dem Kopf. Auf dem Video sah sie das Bild der Kamera: also sich selbst von hinten, etwa zwei Meter vor sich.

Nun streichelte der Forscher mit einem Stift den Rücken der Testperson wiederholt von oben nach unten. Und da geschah genau das, was er erwartet, ja erhofft hatte: Die Testpersonen waren zunächst irritiert – dann bekamen sie das merkwürdige Gefühl, sie würden in die Haut dieses zweiten Körpers, den sie vor sich sahen, schlüpfen. Das Kraulen am Rücken trat aus ihrem eigenen Körper heraus und verlagerte sich in ihren virtuellen Stellvertreter.

Die Erklärung dafür ist: Unser Sehsinn ist der allerwichtigste. Alles wird ihm untergeordnet. So auch das Kraulen am Rücken, das die Leute zwar bei sich selbst spürten, jedoch bei ihrem zweiten Ich sahen – zwei widersprüchliche Informationen, die das Hirn auflösen muss. Da der Sehsinn dominiert, wurde das Gespürte dem Bild angepasst. „Unser Selbst befindet dort, wo die Augen hinschauen“, sagt der Neuroforscher Henrik Ehrsson vom Karolinska Institut in Stockholm, der zeitgleich mit einem ähnlichen Versuch in „Science“ aufwartet.

Schon schwärmen die Forscher, mit ihrer Technik ließen sich Videospiele revolutionieren: Ein zweites Ich, einen Avatar, den man nicht nur vor sich sieht, sondern dessen Empfindungen man auch spürt – das wäre der entscheidende Schritt zu einem echten Aufgehen in einer virtuellen Welt.

Andere sind da ein bisschen skeptischer, etwa der Schweizer Hirnforscher Peter Brugger. Das „außerkörperliche Erlebnis“, das seine Kollegen im Labor hervorgerufen haben, habe zum Beispiel nur wenig Ähnlichkeit mit der Erfahrung von Menschen, die am Tod vorbeigeschrammt sind und dabei spürten, wie ihre Seele aus ihrem Körper heraustrat, um anschließend über den Dingen zu schweben und die Ereignisse von außen zu beobachten. Im Gegensatz zu dem im Labor hervorgerufenen Effekt würden diese Nahtod-Erlebnisse, so Brugger, ein „überwältigendes Gefühl der Trennung vom Körper“ vermitteln.

Tatsächlich berichtet ungefähr jedes zehnte Unfallopfer, das vorübergehend klinisch tot war, von solchen Erfahrungen. Es sind Berichte, die Fantasien von einem Jenseits, zu der nur unsere Seele Zugang hat, beflügeln. Frappierend ist, dass die Erlebnisse häufig sehr ähnliche Elemente aufweisen. Nicht selten ist es dabei so, dass sich die Opfer von außen sehen: als hätte ihr Ich ihren toten Körper verlassen.

Dass die meisten Forscher diese Nahtod-Erlebnisse streng naturwissenschaftlich zu deuten versuchen, ist klar. Eine gängige Theorie lautet, dass bei schweren Unfällen die Wahrnehmung des Körpers vollkommen ausgeschaltet werden kann, während Teile des Gehirns und Bewusstseins noch intakt sind. Sobald aber noch Bewusstsein da ist, ohne jeglichees Körpergefühl, verliert das Ich sozusagen die Bodenhaftung: Wir spüren unseren Körper, unsere „Erdung“, nicht mehr und sind damit „befreit“. Völlig losgelöst.

Andere wiederum meinen, dass das naturwissenschaftliche Weltbild die außerkörperlichen Erlebnisse nicht restlos erklären kann. Einer von ihnen ist der niederländische Kardiologe Pim van Lommel. Vor einigen Jahren veröffentlichte van Lommel eine Studie im angesehenen Medizinerfachblatt „The Lancet“, für die er hunderte von Patienten interviewt hatte, die alle eins gemeinsam hatten: Sie waren für klinisch tot erklärt und im letzten Moment doch noch ins Leben zurückgeholt worden. Unter den Rückkehrern gab es, wie der Arzt berichtet, solche, „die sich detailgetreu an den Reanimationsvorgang erinnern konnten“. Hatten sie während der Wiederbelebung etwa die Augen geöffnet? „Aber nein, ihre Seele schwebte über ihrem Körper und beobachtete den Vorgang.“

Obwohl viele seiner Kollegen van Lommel für einen Spinner halten, wollen andere der Sache endgültig auf den Grund gehen. So haben einige britische Mediziner Zahlen oder Gegenstände an Stellen im OP-Saal angebracht, die sich vom OP- Tisch aus nicht sehen lassen, sondern nur, wenn man tatsächlich über den Dingen schweben würde. Das nüchterne Ergebnis: Keiner der vom Tod Wiederauferstandenen hat die versteckten Zahlen aufsagen können. Bislang.

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