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Neurorehabilitation : Aus dem Koma zurück ins Leben

07.02.2011 20:00 Uhrvon
Rundum versorgt. Um das Gehirn zu schützen, werden Patienten mitunter in ein künstliches Koma versetzt. Sie werden beatmet und ihre Körperfunktionen von zahlreichen Messgeräten überwacht. Nach dem Aufwachen ist oft eine umfassende Rehabilitation nötig, um ihnen den Weg zurück in den Alltag zu ermöglichen. Foto: picture alliance / dpaBild vergrößern
Rundum versorgt. Um das Gehirn zu schützen, werden Patienten mitunter in ein künstliches Koma versetzt. Sie werden beatmet und ihre Körperfunktionen von zahlreichen Messgeräten... - Foto: picture alliance / dpa

Der Fall Monica Lierhaus zeigt: Mit Motivation sind große Fortschritte möglich – auch noch nach Jahren. Der Blick in die Zukunft, die Prognose, ob jemand wirklich wieder "ganz der Alte" sein wird, ist dennoch sehr schwierig.

Sie ist wieder da. Das hat Monica Lierhaus mit ihrem Fernsehauftritt anlässlich der Verleihung der „Goldenen Kamera“ am Wochenende unmissverständlich klar gemacht. Mehr als zwei Jahre lang war die bekannte Sportmoderatorin nicht mehr öffentlich aufgetreten. An ihrem Gang, am langsamen Sprechen und an der Sprachmelodie konnte man deutlich erkennen, dass ein schweres Leiden der Grund dafür war. Nun fragen sich viele, wie es der heute 40-Jährigen gelang, so weit ins Leben zurückzukehren – und wie realistisch es ist, dass sie wieder regelmäßig Sportsendungen moderiert.

Im Januar 2009 unterzog sich Lierhaus einem Eingriff, bei dem ein Hirnaneurysma entfernt werden sollte.

Aneurysmen sind Ausbuchtungen an den Wänden von Arterien, die zum Beispiel auch an der Bauchschlagader auftreten können. Sie haben die Form kleiner Säckchen oder Beeren und können mehrere Zentimeter groß werden. Die Schwäche der Gefäßwände, die dafür anfällig macht, ist angeboren. Hoher Blutdruck und Arteriosklerose vergrößern das Risiko.

„Schätzungen zufolge hat jeder Zehnte ein Hirnaneurysma“, sagt der Neurologe Karl-Heinz Mauritz von der Median Klinik Berlin, die sich auf neurologische und orthopädische Rehabilitation spezialisiert hat. Die Aussackungen werden nicht zwangsläufig operiert. Die Ärzte müssen sorgfältig abwägen, ob das Risiko eines chirurgischen Eingriffs gerechtfertigt ist. Dafür kommen zwei Verfahren infrage: Entweder wird das Aneurysma mit einer speziellen Klammer abgeklemmt oder es wird mit einer Spirale aus Platindraht ausgefüllt. Anders verhält es sich bei Notfällen, dann haben Mediziner keine Wahl und müssen operieren.

Vor allem nach einer dramatischen Gefäßruptur mit einer schweren Blutung kommt es immer wieder vor, dass Patienten über einen längeren Zeitraum im künstlichen Koma bleiben müssen (siehe Infokasten). Monica Lierhaus war über vier Monate in diesen Ruhezustand versetzt worden. Nicht wenige Betroffene kommen überhaupt nicht mehr zu Bewusstsein.

Da das Aufreißen eines Hirnaneurysmas typischerweise 40- bis 60-Jährige trifft, gibt es viele Geschichten jüngerer aktiver Menschen, die wie „aus heiterem Himmel“ aus ihrem bisherigen Leben herausgerissen wurden. „Jüngere haben allerdings auch deutlich bessere Chancen, nach einer intensiven Übungsphase wieder ins normale Leben zurückzufinden“, sagt Mauritz, der an der Charité auch den Lehrstuhl für Neurorehabilitation innehat. Studien zeigen: Die Chancen erhöhen sich, wenn die Betroffenen sozial gut eingebunden sind, wenn Familie und Freunde sie in der Reha häufig besuchen und wenn sie in einer guten Paarbeziehung leben – wie Monica Lierhaus, die bei ihrem Auftritt ihrer Familie dankte und ihrem Freund Rolf Hellgardt einen öffentlichen Heiratsantrag machte.

Halt. Eine feste Bindung zum Partner hilft bei der Reha. Monica Lierhaus und Rolf Hellgardt bei ihrem TV-Auftritt. Foto: dpaBild vergrößern
Halt. Eine feste Bindung zum Partner hilft bei der Reha. Monica Lierhaus und Rolf Hellgardt bei ihrem TV-Auftritt. - Foto: dpa

Belegt ist auch, dass die Vorgeschichte über den Therapieerfolg mitentscheidet: Wer viel mit Sprache gearbeitet hat, gewinnt sie schneller zurück, wer sportlich war, übt meist effektiver. Auch Ehrgeiz und Motivation seien enorm wichtig, erläutert der Reha-Experte. Die neurologische Rehabilitation ist einer der wenigen Bereiche in der Medizin, in denen viel wirklich viel hilft. „Üben, üben und nochmals üben“, sagt Mauritz.

Das gilt für die Physiotherapie, in der oft das Gehen neu gelernt werden muss, für die Ergotherapie, in der Alltagsaktivitäten wie das selbstständige Essen und Trinken auf dem Programm stehen, für die Sprach- und Sprechtherapie und nicht zuletzt für die Neuropsychologie, in der Störungen des Gedächtnisses und der Konzentrationsfähigkeit, die das Denken massiv beeinträchtigen, professionell angegangen werden.

Wie ein Kind neu lernen zu müssen, was man doch längst schon konnte, ist hart. Die gute Nachricht ist, dass es sich in vielen Fällen wirklich lohnt. Und das auch noch lange Zeit, nachdem die persönliche Katastrophe einen Menschen weit zurückgeworfen hat. „Heute weiß man, dass sich auch nach Jahren immer noch etwas tun kann, hartnäckiges Üben kann signifikante Späteffekte bewirken“, versichert der Neurologe Mauritz. Diese späten Fortschritte hatten Mediziner früher für unmöglich gehalten.

Der Blick in die Zukunft, die Prognose, ob jemand wirklich wieder „ganz der Alte“ sein wird, ist dennoch sehr schwierig. Dafür sind an der Rehabilitation, vor allem nach schweren Leiden, zu viele Faktoren beteiligt. So wie auf der einen Seite selbst nach Jahren noch kleine Wunder möglich sind, muss man andererseits auch damit rechnen, dass bestimmte Fähigkeiten unwiederbringlich verloren sind.

Mehr Informationen zum Thema Hirnoperationen finden Sie in unserem Kliniksuchportal: www.gesundheitsberater-berlin.de

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