Neurowissenschaft : Die Kunst des Klartraums

Alles ist wirklich. Alles ist erträumt. Im Klartraum beschreiben diese Sätze keinen Widerspruch. Der Zustand ist ein Zwitter aus Schlafen und Wachen. Man kann ihn sogar gezielt erzeugen.

Stefan Klein
Zwischen Traum und Wirklichkeit: Eine Frau sitzt auf einem Dachfirst über den Dächern einer Großstadt.
Unmögliches wird möglich. Luzide Flugerlebnisse protokollierte bereits die englische Schriftstellerin Mary Arnold-Foster. Mittels...Foto: Sergey Nivens Fotolia

Als Richard Feynman, der spätere Physiknobelpreisträger, ein kleiner Junge war, gab ihm sein Vater ein Rätsel auf: „Stell dir vor, Marsmenschen kommen uns besuchen. Sie schlafen nie und wollen wissen, wie es sich anfühlt zu schlafen. Wie erklärst du es ihnen?“

Der kleine Richard wusste es natürlich nicht zu sagen. Die Frage wurde auch nicht dadurch beantwortet, dass sein Vater behauptete, im Schlaf käme alle Verstandestätigkeit zum Erliegen; so dachte man in den 1930er Jahren. Aber Feynman war schon in jungen Jahren ein ungewöhnlich kritischer Geist, und wenn er ein Problem lösen wollte, dann ließ es ihm keine Ruhe. Über ein Jahrzehnt später kam er dem Geheimnis in einem langweiligen Universitätsseminar unverhofft näher. Der Vortrag des Professors hatte sich in ein monotones Murmeln verwandelt. Feynman war eingedöst, und konnte doch beobachten, was in ihm vorging.

In den nächsten vier Wochen machte er es sich zur Gewohnheit, sich nachmittags hinzulegen und den Übergang in den Schlaf aufmerksam zu verfolgen. Und mit einem Mal bemerkte er in einem Traum, dass er träumte. Er sah sich auf dem Dach eines Eisenbahnwagens, der auf einen Tunnel zufuhr. Er spürte seine Angst. Er wusste jedoch auch, dass er sich nur ducken musste. Er erlebte das Schwanken des Wagens.

"Ich konnte meinen Traum lenken!"

Nun befand er sich in dem Waggon. Durch eine große Glasscheibe erblickte er drei attraktive Mädchen im Badeanzug. Er ging an ihnen vorbei in den nächsten Wagen. Aber warum eigentlich sollte er sich den reizvollen Anblick entgehen lassen? „Da entdeckte ich, dass ich umdrehen konnte. Ich konnte meinen Traum lenken!“ Er kehrte in den Waggon mit dem aussichtsreichen Fenster zurück. „Ich war erregt, sagte mir Sätze wie: ,Wow, es funktioniert!’, und erwachte.“

Fast die Hälfte aller Menschen gibt bei Befragungen an, sie hätten mindestens einmal im Leben eine ähnliche Erfahrung gemacht: Ihnen sei im Traum aufgefallen, dass sie träumen. Richard Feynman dürfte allerdings lange Zeit der einzige Wissenschaftler von Weltrang gewesen sein, der an die Existenz solcher Klarträume glaubte. Für andere Gelehrte waren solche Erzählungen nichts als Fantasterei. Dass es möglich sein könnte, im Traum bei vollem Bewusstsein zu sein und diesen sogar zu lenken, widersprach allem, was man über den Schlaf zu wissen glaubte. Wie, fragten die Skeptiker, sollte man jemals feststellen können, ob Klarträume mehr als nur Schwindel oder Einbildung sind?

Im Jahr 1975 kamen zwei englische Psychologen, Keith Hearne und Alan Worsley, auf den Gedanken, dass ein Klarträumer in der Lage sein müsste, aus dem Schlaf eine Botschaft zu schicken: Vielleicht könnte er die schnellen Augenbewegungen während der besonders traumreichen Rem-Phase des Schlafs willentlich lenken. Das war eine kühne Idee, denn der Schläfer müsste nicht nur vorsätzlich seine Muskeln bewegen, sondern sich im Schlaf an die Abmachung erinnern.

Kommunikation aus dem Schlaf heraus

Worsley selbst bot sich als Versuchsperson an. Die beiden Forscher vereinbarten, dass Worsley hinter den geschlossenen Lidern achtmal nach links, achtmal nach rechts schauen sollte, sobald er sich eines Traums bewusst würde. Ein Messgerät zeichnete die Muskelbewegungen auf. Am Morgen des 12. April berichtete der verkabelte Worsley von einem luziden Traum. Hearne sah in den Aufzeichnungen des Messgeräts nach: Eindeutig hatte Worsely zum fraglichen Zeitpunkt seine Augen achtmal in beide Richtungen bewegt! Zum ersten Mal hatte damit ein Mensch aus dem Schlaf heraus kommuniziert. In späteren Versuchen stellte sich heraus, dass luzide Träumer sogar die Luft anhalten können, um ihren Zustand zu signalisieren.

Inzwischen können Forscher Handlungen messen, die sich ein Klarträumer nur vorstellt. Wissenschaftler am Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie baten vor kurzem Probanden mit Klartraum-Erfahrung, einen Tennisball zu erträumen, diesen in die Hand zu nehmen und zusammenzudrücken. Ein Kernspintomograf nahm währenddessen die Hirntätigkeit auf. Und obwohl die ganze Szene nur in der Traumwirklichkeit spielte, obwohl die Hände der Schläfer sich nicht regten, zeigte sich in ihren Köpfen ein Muster an Aktivität, als ob die Versuchspersonen tatsächlich ihre Muskeln anspannen und kräftig mit den Fingern zudrücken würden.

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