Nobelpreis für Chemie : Ganz schön helle

Stefan Hell kämpfte lange um Anerkennung. Dass er schließlich den Nobelpreis erhielt, verrät viel über das Wesen der Wissenschaft. Ein Kommentar.

Hartmut Wewetzer
Stefan Hell kurz nach Bekanntgabe des Chemie-Nobelpreises bei einer Pressekonferenz in Göttingen.
Hat gut lachen. Stefan Hell kurz nach Bekanntgabe des Chemie-Nobelpreises bei einer Pressekonferenz in Göttingen.Foto: dpa

Endgültige Wahrheit ist es nicht, die uns die moderne Naturwissenschaft zu bieten hat. Sondern nur vorläufige. Wissenschaftliches Wissen sei Vermutungswissen, hat der Philosoph Karl Popper festgestellt. Deine Hypothese ist so lange gültig, bis sie widerlegt wird. Ein ebenso bescheidenes wie erfolgreiches Credo. Bis jemand anderes es besser weiß, ist deine Annahme die vorläufig akzeptierte Wahrheit, gültig über alle Landes-, Religions- und Planetengrenzen hinweg, überall im Universum. Aber klar ist auch: Jemand wird kommen und brutal die Mauer deiner Gewissheit einreißen. Und den Blick auf neue vorläufige Wahrheiten eröffnen.
Einer von diesen Mauerspechten ist Stefan Hell. Der Physiker am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen bekommt in diesem Jahr zusammen mit zwei amerikanischen Wissenschaftlern den Nobelpreis für Chemie. Hell hat die scheinbar ewige Wahrheit des Abbe-Prinzips durchbrochen. Der deutsche Physiker Ernst Abbe hatte vor rund 140 Jahren ein für alle Mal festgelegt, dass die Auflösung des Lichtmikroskops durch die Wellenlänge des Lichts ihre natürliche Grenze findet. Ende der Durchsage. Bis Hell und seine amerikanischen Kollegen aufkreuzten, mit revolutionären neuen Methoden der Lichtmikroskopie die Tür zur Nanowelt aufstießen und aus dem Mikroskop ein Nanoskop machten.
Hells Geschichte liest sich fast wie eine Variante des Märchens vom Aschenputtel. Lange Zeit muss er um Anerkennung kämpfen. Als der junge Tüftler seine Ideen in den renommierten Fachjournalen „Science“ und „Nature“ veröffentlichen will, lehnen diese dankend ab. Noch nicht einmal externe Gutachter ziehen sie zu Rate. Zu abstrus erscheinen Hells Ideen. Erst im Jahr 2000 gelingt dem Erfinder mit einer Studie im Fachblatt „PNAS“ der Durchbruch. Zu dieser Zeit forscht er schon als Chef einer „Juniorgruppe“ am Göttinger Max-Planck-Institut. Die Niedersachsen haben den richtigen Riecher und können sich nun neben Manfred Eigen und Erwin Neher mit einem dritten Nobelpreisträger schmücken.
So zäh wie anfangs der Widerstand war, so rasch kommt nun für Hell der Erfolg. Preise und Ehrungen, Rufe an führende Universitäten – wenn die Mauer einmal niedergerissen ist, gibt’s kein Halten mehr. Selbst heute unangefochtene Forscher wie Nikolaus Kopernikus, Charles Darwin, Max Planck oder Albert Einstein mussten einst um Anerkennung kämpfen. Das beweist auf der anderen Seite, wie lernfähig die Wissenschaft ist. Was am Ende zählt, sind die besseren Argumente, nicht Beziehungen, Berufsalter oder Bartlänge.
Was wiederum nicht heißt, dass eine abseitige Hypothese schon deshalb richtig ist, weil sie klassischen Lehrmeinungen entgegensteht. Ebenso ist nicht jeder verkannte Künstler ein van Gogh. Und schließlich hat Albert Einstein seinem großen Vorgänger Isaac Newton nicht völlig widersprochen, sondern vor allem dessen Weltbild erweitert.
Auch nach Stefan Hells Erfindungen bleibt Ernst Abbes Theorie gültig, in gewissen Grenzen zumindest. Auf einen Irrtum folgt in der Wissenschaft der nächste, und jeder ist richtiger als der vorige.

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