Nobelpreis für Medizin : Eine Spritze gegen Krebs

Die Forschung des Nobelpreisträgers schützt längst Tausende von Frauen

Adelheid Müller-Lissner
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Tückische Winzlinge. Papillomaviren können jahrelang im Körper ruhen, bevor sie ein Tumorwachstum auslösen.

„Das ist eine phantastische Nachricht“, freute sich der Charité-Gynäkologe Achim Schneider gestern am Telefon, als er in einer kurzen Operationspause erfuhr, wer den diesjährigen Nobelpreis für Medizin bekommen soll. Schneider arbeitet seit dem Jahr 1985 mit Harald zur Hausen und seiner Arbeitsgruppe vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg zusammen. Der Gynäkologe freut sich vor allem darüber, dass ein Grundlagenforscher geehrt wird, dessen Arbeit schon heute immense praktische Auswirkungen hat.

Zur Hausens Forschungen führten zur Entwicklung von bisher zwei zugelassenen Impfstoffen gegen Humane Papillomaviren (HPV). Gardasil, der erste von ihnen, richtet sich gegen zwei der rund 100 Varianten des Virus, die Gebärmutterhalskrebs hervorrufen können: HPV 16 und 18. „Mit der Impfung wird das Risiko für Gebärmutterhalskrebs um 80 Prozent reduziert“, sagt Schneider. Nebenbei verhindert der Impfstoff, der auch gegen HPV 6 und 11 schützt, die Ausbildung lästiger Genitalwarzen.

Inzwischen bezahlen in Deutschland die Krankenkassen die Impfung für junge Mädchen im Alter zwischen zwölf und 17 Jahren. In einigen Bundesstaaten der USA ist sie sogar Pflicht für alle Schülerinnen, die in die sechste Klasse aufrücken wollen.

Der Impfstoff besteht aus Partikeln des Erregers, die selbst nicht infektiös sind, aber eine Immunreaktion auslösen. Weil das Virus meist beim Geschlechtsverkehr übertragen wird, ist es wichtig, jungen Frauen den Schutz schon vor dem ersten Mal mitzugeben. Eine Infektion mit HPV ist keineswegs selten: Zwei Jahre nach dem ersten Sexualkontakt lässt sich bei fast einem Drittel aller Frauen ein Erreger aus dieser Virenfamilie nachweisen. In den meisten Fällen wird die körpereigene Abwehr damit spielend fertig.

Mitunter kann die Infektion allerdings Jahre bis Jahrzehnte später böse Folgen haben: In jedem Jahr erkranken in Deutschland rund 6500 Frauen an Gebärmutterhalskrebs, 1800 sterben daran. Die Zahlen wirken klein, verglichen mit denen für Brustkrebs. „Doch Gebärmutterhalskrebs hat das Bild der gynäkologischen Krebserkrankungen in den letzten Jahrhunderten geprägt“, sagt Schneider. In ärmeren Ländern der Erde ist er immer noch wesentlich häufiger als hierzulande: 83 Prozent der Fälle treten in Entwicklungsländern auf.

Dort fehlen meist auch die Möglichkeiten zur Früherkennung per Pap-Abstrich, der in Deutschland allen Frauen über 20 einmal im Jahr zusteht – und erheblich dazu beigetragen hat, die tödliche Bedrohung zu vermindern.

Die vorsorgende Impfung gibt es nur, weil zur Hausen den Viren hartnäckig auf der Spur blieb, die man bis dahin nur als Verursacher von Warzen kannte. „Es ist seine herausragende Leistung, dass er auf der Grundlage einer riskanten Hypothese weitermachte“, sagt Schneider. „Ohne seine geniale Idee und die Forschung seiner Arbeitsgruppe hätten wir heute keinen Impfstoff.“

Der Gynäkologe rechnet es zur Hausen zudem hoch an, dass er die Klone der Viren, die er aus Krebsgewebe isolieren konnte, sofort nach der Publikation der Ergebnisse der Forscher-Gemeinschaft frei zur Verfügung gestellt hat: „Ihm kam es nicht auf Patente an, sondern auf praktisch umsetzbare Fortschritte.“

Harald zur Hausen selbst lässt es keine Ruhe, dass sich ärmere Länder den Impfschutz ihrer Frauen und Mädchen nicht leisten können. „Wir brauchen unbedingt billigere und einfach zu verabreichende Vakzine“, sagte er im letzten Jahr bei einem Vortrag. Dabei erzählte er auch, dass er auf eine einfache Immunisierung per Nasenspray hofft.

Adelheid Müller-Lissner

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