Nobelpreis für Medizin : „Ich hab’s!“

Später Triumph für die Entdecker des Aids-Erregers

Hartmut Wewetzer

4. Februar 1983, gegen 17 Uhr 45. Freitagnachmittag. Charlie Dauguet, Elektronenmikroskopiker am Pariser Pasteur-Institut, sieht einem geruhsamen Wochenende in der Normandie entgegen. Bevor er sein Labor verlässt, wirft er noch rasch einen Blick durch sein Elektronenmikroskop. Und erstarrt. „Ich hab’s! Ich hab’s!“ ruft er und rennt aus dem Labor.

An ein ruhiges Wochenende ist nicht mehr zu denken. Dauguet hat das Aids-Virus entdeckt. Rundliche Gebilde, mit einem dunklen Konus im Zentrum. Nur unter dem Elektronenmikroskop sind die winzigen Erreger sichtbar.

Mehr als ein Vierteljahrhundert musste vergehen, bis den Pariser Wissenschaftlern endlich der Medizin-Nobelpreis zuerkannt wurde. Zwar nicht dem Mikroskopiker Dauguet. Aber seinen Kollegen Luc Montagnier (76) und Francoise Barré-Sinoussi (61), die die entscheidende Arbeit bei der Jagd nach dem Virus leisteten. Fast ist der gewaltige Streit um die Entdeckung des Aids-Erregers in Vergessenheit geraten, der vor rund 20 Jahren sogar diplomatische Verstimmung zwischen den USA und Frankreich hervorrief.

Der Franzose Montagnier vom Pasteur-Institut und der Amerikaner Robert Gallo vom Nationalen Krebsforschungsinstitut der USA in Bethesda hatten sich ein erbittertes Wettrennen um den Aids-Auslöser und Patentrechte geliefert, das mit seinen Tricksereien und Intrigen alle Ingredienzien eines Wissenschaftskrimis hatte. Nach den Gerichten hat jetzt auch das Nobelpreis-Komitee ein Urteil gefällt und Montagnier und seine Mitarbeiterin am gestrigen Montag zu Siegern erklärt. Die Franzosen teilen sich die eine Hälfte des mit einer Million Euro dotierten Nobelpreises, die andere geht an den deutschen Virusforscher Harald zur Hausen.

Begonnen hatte alles 1981, als erste Berichte von einer beunruhigenden tödlichen Krankheit unter amerikanischen Homosexuellen die Runde machten. Noch war nicht klar, dass die Seuche sich bald rasant ausbreiten und zur weltweiten Bedrohung werden würde. Die Patienten hatten geschwollene Lymphknoten und starben qualvoll an einer seltenen Lungenentzündung oder rätselhaften Hauttumoren. Ursache war eine massive Schwächung der Körperabwehr. Aber wodurch? Krankheitserreger? Drogen? Sex? Biowaffen gar? Die Spekulationen schossen ins Kraut.

Beidseits des Atlantiks machten sich zwei Virusforscher daran, die wirkliche Lösung zu finden. Die Kontrahenten konnten gegensätzlicher nicht sein. Auf der einen Seite der charismatische, rhetorisch brillante und vor Ideen sprühende Robert Gallo, der rasch zum Liebling der Medien wurde. Und dann Montagnier: klein, rundlich, mit einem Schuss Arroganz, dazu distanziert gegenüber den Journalisten; ein uninspirierter Forschungs-Beamter. Wie Eindrücke täuschen können.

Montagnier wie Gallo fahndeten nach einem Retrovirus. Gallo hatte zuvor nachgewiesen, dass Erreger aus dieser Virusgruppe mit Namen HTLV-1 und HTLV-2 menschliche T-Zellen befallen und Blutkrebs hervorrufen können. Und T-Zellen – ein wichtiger Teil der Körperabwehr – waren auch das Ziel des unbekannten Immunschwäche-Auslösers.

Barré-Sinoussi entdeckte in Zellen von Aids-Patienten Hinweise darauf, dass es sich tatsächlich um ein Retrovirus handelte. Dann gelang es den Franzosen als erste, das Virus zu finden.

Aber es war Gallo, der zunächst den Ruhm einheimste und sich 1984 als Entdecker des Aids-Virus feiern ließ. In Wahrheit hatte er mit Material gearbeitet, dass ihm die Franzosen zur Verfügung gestellt hatte. Trotzdem hatte auch Gallo Verdienste. So gelang es ihm, das Virus zu vermehren und die Entwicklung eines Aids-Tests zu ermöglichen.

Der gestrige Tag dürfte der bitterste in der Karriere des Robert Gallo gewesen sein. Hartmut Wewetzer

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