Nordseeküste : Ökostrom belastet Watt

Windkraftanlagen sind klimafreundlich, denn sie produzieren Strom, ohne dabei Treibhausgase auszustoßen. Dennoch kann diese Art der Energieerzeugung die Umwelt ziemlich strapazieren.

Roland Knauer

Das ist zurzeit an der Nordseeküste zu beobachten, wo 45 Kilometer vor der Insel Borkum der erste deutsche Offshore-Windkraftpark „Alpha Ventus“ errichtet wird. Zur Verbesserung der Klimabilanz will die Bundesregierung in den nächsten Jahren gleich mehrere Windparks auf hoher See bauen lassen.

Der Bau von Alpha Ventus im rund 30 Meter tiefen Wasser zeigt, welche Probleme damit verbunden sind. Auf See kämpfen die Ingenieure mit Wind und Wellen, die die Fertigstellung der Anlage ein ums andere Mal verzögern. Naturschützer wiederum kritisieren die lauten Rammen, deren Lärm beim Bau der Fundamente das Leben in mehreren Kilometern Umkreis beeinträchtigt. „Vor allem die seltenen Schweinswale mit ihrem empfindlichen Gehör könnten dauerhaft vertrieben werden“, sagt Hans-Ulrich Rösner vom WWF. Zudem befürchtet er, dass später Zugvögel in die Rotoren geraten – auf dem Festland zumindest findet man etliche geschredderte Vögel, bis hin zu Seeadlern. Auch Schiffe könnten mit den Anlagen kollidieren und das nahe Wattenmeer durch eine Ölpest gefährden, warnt Rösner.

Das Watt ist aber noch in anderer Hinsicht bedroht. Denn um den Strom der Windkraftanlagen ans Festland zu transportieren, müssen dicke Kabel quer durch das weltweit einmalige Ökosystem verlegt werden. „Für die sensible Natur wäre es besser, die Stromleitungen am Grund der Schifffahrtswege zu verlegen“, sagt Rösner. Die Verbindungen vom offenen Meer zu den Mündungen der Flüsse Elbe, Weser, Jade und Ems sind die einzigen Lücken in den Nationalparks an der Nordseeküste. Doch die Schifffahrtsbehörden fürchten, dass bei Notankerungen die Kabel getroffen werden, wenn sie nicht tief genug eingegraben sind. Würde dadurch eine Leitung gekappt, können große Teile des Stromnetzes ausfallen.

Deshalb wird seit dem Sommer das 18 Zentimeter dicke Kabel, das Strom von Alpha Ventus zu den norddeutschen Haushalten bringen soll, durchs Wattenmeer gezogen. Spezialmaschinen fräsen dafür einen anderthalb Meter tiefen Graben in den Meeresboden. Damit verbunden sind Lärm und Schmutz in einem Gebiet, das laut Gesetz unbeeinflusst bleiben soll.

Mit jedem neuen Windpark, der ans Netz angeschlossen wird, werden die Nationalparks zusätzlich belastet. Die Naturschützer fordern daher, den Strom der entstehenden Windenergieanlagen zu sammeln und auf höchstens zwei Trassen durchs Watt zu leiten. Bauen muss diese Anschlüsse jeweils der Betreiber des Hochspannungsnetzes an Land, und das ist in Norddeutschland die Firma Eon Netz. Doch die hat vier Trassen vorgesehen, wie Cornelia Junge von Eon Netz erklärt. Zudem verlangt die Bundesnetzagentur, jedes Kabel möglichst preiswert zu verlegen, weil die Kosten langfristig auf die Stromkunden umgelegt werden. 300 Millionen Euro kostet es zum Beispiel, wenn bis September 2009 der geplante Windpark Borkum 2 mit einem Kabel durch 120 Kilometer Meeresboden sowie weitere 75 Kilometer Festlandboden angeschlossen wird.

Selbst wenn einmal alle Leitungen unter Sand und Schlick gebracht sind: „Niemand weiß, wie lange sie halten“, sagt WWF-Experte Rösner. 1995 wurde ein Starkstromkabel zur Versorgung der deutschen Ölbohrplattform Mittelplate ähnlich tief wie die zu den Windparks geplanten Kabel durch das Watt gelegt. Weil die Leitung mehrmals von der Strömung frei gespült wurde, wird sie nun mehrere Meter tiefer in den Wattboden verlegt. Sollte das auch mit den Kabeln der Offshore-Windparks passieren, dürfte das Wattenmeer in Zukunft wohl häufiger mit schwerem Gerät durchwühlt und das sensible Ökosystem belastet werden. 

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