Notfallmedizin : Gezielte Unterkühlung nach Herzstillstand nutzlos

Patienten, die nach Kreislaufstillstand wiederbelebt wurden, werden heutzutage oft "heruntergekühlt", um Hirnschäden vorzubeugen. Aber das Vorgehen ist zweifelhaft.

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Obwohl sie nach einem Herzstillstand erfolgreich wiederbelebt wurden, besteht bei vielen Patienten die Gefahr von Hirnschäden. Ursache ist der zuvor erlittene Kreislaufstillstand, der das Gehirn oft für mehrere Minuten von der Blut- und Sauerstoffzufuhr abgeschnitten hat. In den letzten zehn Jahren sind deshalb viele Kliniken dazu übergegangen, Wiederbelebte für die ersten zwölf bis 24 Stunden leicht zu unterkühlen. Dabei wird die Körpertemperatur von 37 Grad auf 32 bis 35 Grad verringert, etwa mit Infusionen kalter Flüssigkeit, Eisbeuteln oder Kühlmatten. Mit dem so erzeugten „kühlen Kopf“ sollen Schäden im Hirngewebe verringert werden. Nach einer neuen Studie kann die Unterkühlung jedoch weder die Überlebenschancen erhöhen noch Hirnschäden vermindern.

In der internationalen Untersuchung, an der 36 Kliniken in zehn Ländern über eine Zeit von zehn Jahren teilnahmen, wurden rund 950 nach Herzstillstand wiederbelebte, bewusstlose Patienten entweder auf 33 Grad „heruntergekühlt“ oder behielten mit 36 Grad eine annähernd normale Körpertemperatur. Etwa jeder zweite Patient überlebte. Doch spielte es keine Rolle, ob er künstlich unterkühlt worden war oder nicht, berichten Niklas Nielsen von der schwedischen Universität Lund und seine Kollegen im Fachblatt „New England Journal of Medicine“.

Auch bei Gehirn und Nervensystem konnten sie keine Unterschiede zwischen beiden Gruppen finden. Etwa 30 Prozent der Überlebenden müssen mit Hirnschäden rechnen, die sich etwa in einem schlechteren Gedächtnis äußern. Allerdings gab es auch keine Hinweise, dass die Unterkühlten mehr Nebenwirkungen hatten, etwa Infektionen oder Blutungen.

Eine Überlebensrate von 50 Prozent nach überlebtem Herzstillstand sei beachtlich, kommentieren Jon Rittenberger und Clifton Callaway von der Universität Pittsburgh im „New England Journal“. Vor zehn Jahren hätte nur jeder dritte überlebt. Jedoch hätten sich mittlerweile die Behandlungsmethoden deutlich verbessert. Zu ihnen zählt auch eine bessere Kontrolle der Körpertemperatur. Schlechte Überlebenschancen haben vor allem jene Patienten, bei denen in den ersten Tagen nach dem Herzstillstand Fieber ausbricht. Eben das verhinderten Nielsen und seine Kollegen in den ersten drei Tagen konsequent. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass es für Überleben und Gehirnfunktion genauso wirksam ist, Fieber zu vermeiden, das nach einem Herzstillstand auftritt“, sagte Nielsen laut einer Pressemitteilung. „Dazu müssen wir Körper und Gehirn nicht auf 33 Grad runterkühlen.“

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