Novemberpogrome in Diplomatenberichten : Die Gesandten sahen weg

Wie Gesandte in Berlin 1938 mit den antijüdischen Pogromen umgingen, zeigt jetzt eine Ausstellung im Berliner Centrum Judaicum. Nur wenige protestierten gegen die Übergriffe auf Juden und jüdische Einrichtungen.

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SA-Männer in Uniformen bekleben ein Schaufenster mit Boykottaufrufen gegen jüdische Inhaber.
Vor aller Augen. Mit Boykottaufrufen bereitete die SA schon lange vor den Pogromen vom November 1938 Übergriffe auf jüdische...Foto: picture-alliance/ dpa

„Wir warten nun die Auswirkungen im Ausland ab“, notierte Propagandaminister Joseph Goebbels am 11. November in sein Tagebuch. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 hatten die Nazis in ganz Deutschland Synagogen in Brand gesteckt, Geschäfte jüdischer Inhaber geplündert und hunderte Menschen ermordet und verhaftet. „Vorläufig schweigt man dort noch. Aber der Lärm wird ja kommen.“ Goebbels täuschte sich. Der Lärm blieb aus.

Das Bild, das man sich im Ausland von dem Pogrom machte, hing auch davon ab, wie die Botschafter darüber berichteten. Der Schweizer Gesandte Walter Stucki erwähnt die Ausschreitungen fünf Tage später in einem Brief an seine Vorgesetzten in Genf nicht einmal. Für ihn stand der „verbrecherisch-stupide Anschlag“ auf den deutschen Botschaftssekretär in Paris im Vordergrund.

Die Nazis hatten diesen Anschlag, verübt von einem jungen jüdischen Mann, zum Vorwand für die Ausschreitungen genommen. Auf den Anschlag hin habe es „berechtigte und große Entrüstung“ gegeben, schreibt Stucki und berichtet ansonsten stolz, dass er mit dem deutschen Botschafter Ernst von Weizsäcker in Paris „im engsten Familienkreis“ zu Mittag essen durfte. Bei dieser Gelegenheit habe ihm von Weizsäcker gesagt, dass die 500 000 noch in Deutschland verbliebenen Juden dort nicht bleiben könnten.

„Wenn allerdings wie bisher kein Land bereit ist, sie aufzunehmen, so gingen sie über kurz oder lang ihrer vollständigen Vernichtung entgegen“, zitiert Stucki den deutschen Botschafter von Weizsäcker. Damit endet der Brief. Zur Rolle der Schweiz als möglichem Fluchtort für die deutschen Juden äußert sich Stucki nicht.

Cesare Orsenigo, Botschafter des Vatikans, erwähnt in seinem Schreiben vom 15. November an den Vatikan den „blinden Volkszorn“, der „überall nach der gleichen Methode“ vorgegangen war beim Zertrümmern der Schaufenster und Synagogen. Sorgen macht er sich allerdings um den kolumbianischen Botschafter. Ihm widmet er auch die längste Passage in seinem Brief. Der Kolumbianer hatte Ärger mit der deutschen Polizei bekommen, weil er nach der Pogromnacht zerstörte Synagogen fotografiert hatte. Die Behörden verweigerten ihm danach die Akkreditierung. Diese Unannehmlichkeiten trieben den katholischen Priester mehr um als die Brutalität gegen die wegen ihrer Religion verfolgten Juden.

Die beiden Briefe sind Teil der Ausstellung „Von Innen nach Außen. Die Novemberpogrome in Diplomatenberichten aus dem Ausland“, die im Centrum Judaicum in der Oranienburger Straße zu sehen ist. Das Centrum Judaicum und das Auswärtige Amt haben Briefe von Diplomaten aus über 20 Ländern zusammengetragen. Die meisten sind ein erschütterndes Zeugnis der Ignoranz und Feigheit. Natürlich liest der Besucher die Schreiben mit dem Bewusstsein von heute, mit dem Wissen um Auschwitz und der gewachsenen Bedeutung der Menschenrechte. Und doch ist es unfassbar, wie wenig die Weltöffentlichkeit vor 75 Jahren das Leiden der jüdischen Gemeinschaft interessierte.

Die Berichte müssen auf Goebbels wie ein Freibrief gewirkt haben: Macht weiter so, wir schauen weg, Hauptsache, unsere Interessen werden nicht verletzt. Lediglich fünf, sechs Botschafter finden klare Worte für den „Grad der Brutalität, welcher in der Geschichte nur von den Massakern an den Armeniern Anfang des 20. Jahrhunderts übertroffen wurde“ (Frankreich), für die „Orgie an Zerstörung und Terror“ (England), an der sich „Tausende bestialisch ergötzten“ (Brasilien), während die Polizei „wohlwollend“ zusah. Die USA ziehen als einziges Land nach dem Pogrom ihren Botschafter dauerhaft ab. Die USA und England lockern ihre Flüchtlingspolitik.

„Die Ereignisse in der jüngsten Zeit haben mir eine Facette im Wesen der Deutschen gezeigt, von der ich nichts geahnt hatte“, schreibt der englische Konsul in Frankfurt. „Grausamkeit, so schien mir, war nicht Teil ihres Lebens. Sie sind gewöhnlich tier- und kinderlieb und freundlich gegen Alte und Kranke.“ Er und sein Kollege in Berlin intervenierten bei den Behörden und versuchten, Juden aus der Haft freizubekommen. 50 000 Juden durften danach mit einem Transitvisum nach Großbritannien fliehen. Die britischen und der amerikanische Gesandte sind die Einzigen, die in den Briefen menschliche Rührung zeigen.

Der italienische Botschafter hingegen ist empört, weil die Nazis durch seine Wohnung trampelten auf dem Weg in den ersten Stock, wo eine jüdische Familie wohnte. Das Schicksal dieser Familie ist ihm offensichtlich egal. Der lettische Kollege stellt die Ausschreitungen als eine Art Naturkatastrophe dar, in der sich die tierischen Instinkte und „unzähmbaren dunklen Kräfte der Natur“ Bahn gebrochen hätten. Sein Fazit: Die Vorgänge sind schlimm, aber so sei der Mensch nun einmal, man könne nichts dagegen machen. Der irische Gesandte Charles Bewley hätte sich am liebsten an der Zerstörungsorgie beteiligt. „Wenn alle Staaten, die Erfahrungen mit Juden haben, einschließlich derjenigen, an deren Spitze katholische Geistliche stehen, es für nötig befinden, ähnliche gezielte Maßnahmen zur Einschränkung ihrer Aktivitäten durchzuführen, gibt es keine vernünftigen Argumente dafür, sie wie gewöhnliche Bürger eines Landes zu behandeln“, schreibt der Antisemit.

Die Ausstellung zeigt auch auf, wie sich das Verhältnis des jeweiligen Landes zu Deutschland entwickelte, wer von wem profitierte und wer die Botschafter waren. So erklärt sich etwa das wohlwollende Verhalten des Schweizer Botschafters mit der Sorge der Schweiz, von den Nazis annektiert zu werden, oder dass die einträglichen Wirtschaftsbeziehungen mit den Nazis leiden könnten.

Nur wenige glaubten der Nazi-Propaganda von den „spontanen“ antijüdischen Demonstrationen. Die meisten verstanden, dass die Ausschreitungen lange vorher geplant und organisiert worden waren. Man analysierte, berichtete im nüchternen Diplomatenton und ging zur Tagesordnung über. Spätestens da muss allen, die nicht nur Augen und Hirn, sondern auch ein Herz hatten, klar gewesen sein, dass den verzweifelten Juden kaum ein Land helfen würde.

Centrum Judaicum, Oranienburger Str. 28–30, bis 11. Mai 2014, Sonntag bis Donnerstag 10 bis 18 Uhr, Freitag 10 bis 14 Uhr.

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