NS-Zeit : Überleben und widerstehen

Zeitzeugen-Interviews: Ein Online-Archiv mit Lebensberichten von knapp 600 ehemaligen Zwangsarbeitern wurde am Donnerstag in Berlin eröffnet.

Amory Burchard
Zwangsarbeiterin
Verschleppt. Arbeitskarte einer jungen Russin, die Zwangsarbeit in Deutschland leisten musste.Foto: Stiftung Erinnerung

Sie arbeiteten an der Drehbank eines Rüstungsbetriebs in einem Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg. Die 16-jährige Helena und eine Leidensgenossin, beide aus Polen verschleppt, verband unter unmenschlichen Bedingungen „eine Mädchenfreundschaft“, erzählt Helena Bohle-Szacki heute. Sie spricht von endlosen Gesprächen und Träumereien über die Zukunft – und von Versuchen, die Produktion zu sabotieren. Die Geschichte Bohle-Szackis, die nach 1945 in Polen Design studierte und seit 1968 als Künstlerin in Berlin lebt, ist einer von 590 Zeitzeugenberichten im Internet-Portal „Zwangsarbeit 1939 bis 1945“. Am Donnerstag wurde es im Deutschen Historischen Museum (DHM) vorgestellt.

„Einzigartige Einblicke in die Lebenswirklichkeit der Zwangsarbeiter“ böten die 398 Audio- und 192 Video-Interviews mit Zeitzeugen aus 26 Ländern, sagte Gertrud Pickhan, Professorin am Osteuropa-Institut der Freien Universität (FU) und wissenschaftliche Leiterin des Online-Archivs. Zu erleben seien nicht nur Opfer, sondern auch deren Überlebenswillen. Die Lebensberichte offenbarten eine neue Sicht auf die Deutschen, auf ihr Verhalten gegenüber den Zwangsarbeitern in Industrie, Landwirtschaft oder im Haushalt. Für die Forschung interessant sei etwa die Hilfsbereitschaft, die Zwangsarbeiter auch aus der deutschen Bevölkerung erfuhren, Widerstand gegen die Ausbeuter oder wie die Gewalterfahrung die Überlebenden prägte. Befragt wurden jüdische und nichtjüdische Häftlinge, Sinti und Roma. Die Interviewten stammten mehrheitlich aus Ostmitteleuropa.

Voll zugänglich ist das an der FU angesiedelte Archiv nur für Interessierte, die sich online registrieren, Datenschutzregeln zustimmen und den Zweck ihrer Recherche angeben. Nach bis zu zwei Arbeitstagen erhalten sie ein Passwort und können auf die Interviews zugreifen. Zudem sind 12 exemplarische Videos ab sofort an einer Multimedia-Station in der ständigen Ausstellung des DHM zu sehen. Und bis zum Herbst soll ein wissenschaftliches Team Bildungs- und Unterrichtsmaterialien für Schüler und eine breitere Öffentlichkeit erarbeiten.

Finanziert wird das Projekt von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ – mit bislang 2,5 Millionen Euro. Zentrale Aufgabe der Stiftung war die 2007 abgeschlossene Auszahlung von 4,4 Milliarden Euro an 1,66 Millionen ehemalige Zwangsarbeiter.

Das Archiv im Internet:
www.zwangsarbeit-archiv.de

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