NS-Zeit und Stalinismus : Ums Gedenken streiten

Nationalsozialismus, Stalinismus, Kommunismus: Politische Interessen machen es immer schwieriger, angemessen an die Opfer zu erinnern. Oft wird nicht mehr differenziert, sondern nur das Böse beschworen.

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Doppelte Vergangenheit. Sachsenhausen war KZ des NS-Regimes und später sowjetisches „Speziallager“. In den 1990er Jahren entzündeten sich zwischen den Opfergruppen Kontroversen um die Deutungshoheit über den Ort.
Doppelte Vergangenheit. Sachsenhausen war KZ des NS-Regimes und später sowjetisches „Speziallager“. In den 1990er Jahren...Foto: ddp

Geschichtspolitik en détail ist es, wenn der Ministerpräsident von Brandenburg einem ehemaligen Gefangenen des KGB, der unschuldig Opfer sowjetischer Willkür war, Aufmerksamkeit und Zuwendung entgegenbringt. Geschichtspolitik ist es auch, wenn der zuständige Opferverband unermüdlich darauf hinweist, dass Regierungschef Platzeck diesen Zeitzeugen gewürdigt hat und dass deshalb die Ziele des Verbandes hehre Ziele sind.

Geschichtspolitik en gros ist das Bestreben, einen neuen internationalen Gedenktag zu installieren, der den 23. August beschwört, das Datum des Hitler-Stalin-Pakts. Der Beweiskraft der Totalitarismustheorie vertrauend, nach der kommunistische und nationalsozialistische Diktatur lediglich die beiden Seiten einer Medaille waren, wird auf die notwendige Differenzierung verzichtet, um das Böse an sich zu beschwören. Die Einebnung der Unterschiede zwischen kommunistischem Terror und nationalsozialistischem Völkermord ist die Folge – beabsichtigt von Interessenten, beklagt von denen, deren Streben nach einem differenzierten Geschichtsbild geht, in dem die Opfer der einen wie die Opfer der anderen ihren richtigen Platz haben.

Das pauschale Gedenken, das der 23. August symbolisiert, nivelliert die Unterschiede zwischen nationalsozialistischer Verfolgung und kommunistischem Terror und marginalisiert damit den Judenmord wie den Genozid an Sinti und Roma. Das bedient Interessen, zu denen Opferkonkurrenzen gehören, ebenso wie das Bedürfnis von Opfergruppen, wahrgenommen und gewürdigt zu werden. Letzteres ist legitim und könnte dem Frieden in der Gesellschaft dienen.

Das Verlangen nach einer bestimmten Wahrnehmung, die den Status in der Opferhierarchie konstituiert, ist aber nicht gegen die historische Realität zu erzwingen. Denn bei aller schändlichen Willkür und Barbarei war es nicht die Intention sowjetischer Politik, Menschen auszurotten, weil sie bestimmten Ethnien oder Religionsgemeinschaften zugehörten. Der Beweis, dass Freiheitsentzug im KGB-Gefängnis das Gleiche war wie Haft im nationalsozialistischen KZ, ist weder zu erbringen noch notwendig. Denn jedes individuelle Leid hat – unabhängig von der politischen Intention des Regimes, das es verschuldet – die gleiche Würde und steht für die existenzielle Katastrophe einzelner Menschen auf gleicher Ebene. Der Beweis, dass Hitler das Gleiche gewollt habe wie Stalin, ist nicht möglich und auch nicht sinnvoll. Umso heftiger wird politisch agiert.

Eine Initiative in den USA lebender Emigranten aus dem Baltikum bewog das Europäische Parlament, den Tag der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes, den 23. August, als europaweiten Gedenktag zu widmen. Eine Konferenz in Prag, bei der ostmittel- und osteuropäische Historiker, Zeitzeugen und Politiker zusammenwirkten, trug Früchte. Das Europäische Parlament machte sich die Idee eines gemeinsamen Gedenktages zum „Gewissen Europas und zum Totalitarismus“ zu eigen und fasste mit grandioser Mehrheit eine Resolution dazu. Schweden beging als erste Nation 2008 den neuen Feiertag. 2009 folgten die baltischen Staaten, Bulgarien schloss sich 2010 an, Kroatien, Polen, Ungarn waren 2011 dabei, Slowenien kam 2012 dazu.

Unbeirrt von den Argumenten renommierter Historiker, Holocaustforscher und Gedenkstätten schreitet die Installierung dieses Gedenktages, der ausschließlich politischen Interessen dient, voran. Die Vereinnahmung der Erinnerung an den Judenmord betreibt eine „Platform of European Memory and Conscience“, die ihren Sitz in Prag hat und sich vom Wohlwollen der Politiker einer bestimmten Richtung nährt, nämlich der militanten Antikommunisten mit rückwärtsgewandtem Blick. Die Gruppierung stützt sich ausschließlich auf Organisationen, die Erinnerungspolitik zum kommunistischen Terror treiben. Selbstverständlich ist es legitim und notwendig, sich kommunistischer Gewaltherrschaft zu erinnern und deren Opfer zu würdigen. Es ist aber nicht legitim, auf vereinnahmende Weise Geschichtsklitterung zu treiben.

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